Biblische Besinnung an der Jährlichen Konferenz 2000 in Herisau

Text: Der blinde Bartimäus – Markus 10,46-52

Einleitung:

....die Nacht ist verflattert, Mancher sitzt noch ganz zerknittert vor mir. Die harte Realität hat uns wieder. Die Zeit drängt. Der Konferenzfahrplan will eingehalten werden. Ich habe die Worte unseres Bischofs von gestern in den Ohren:

"Sei pünktlich, vertändle keine Zeit." Und ich will an diesem Ort hier vorne auch nicht länger verweilen, als unumgänglich nötig ist. (§332, 19a+b)

Die Zeit drängte, auch damals.

"Auf nach Jerusalem!" Grosses, Neues ist angesagt. "Siehe, er macht alles neu!" So haben sie es gemeint, die Söhne des Zebedäus, die sich einen Spitzenposten erhofften. "Herr, wenn du dann im Palast residierst, lass uns doch bitte zu deiner Rechten und zu deiner Linken sitzen."

"Siehe er macht alles neu!"

So hat es auch die Menschenmasse erwartet, die Jesus nachfolgte und vorauseilte. Aber in Jerusalem kommt es zu einem Zwischenfall und der Zeitplan gerät durcheinander.

Bibeltext lesen (Markus 10,46-52)

I.

Jesus hält an, bleibt stehen.

"Wegen einem blinden Bettler, der sich nicht zu benehmen weiß. Ich glaub's ja nicht!"

Das passt dem Begleitpersonal von Jesus, so eine Art "selbsternannte Bodyguards" ganz und gar nicht.

Am liebsten würde man sagen:

"Jetzt kann doch! Trödle nicht so! Es liegt doch wahrlich Wichtigeres vor uns." Wir kennen solche Gedanken auch. "Mensch, wo klemmt's denn wieder! Nichts geht vorwärts." Auch auf einer Konferenz wie dieser entdeckt man Parallelen. "Pfarrer X fass dich kurz! Halt uns nicht unnötig auf. Wir müssen weiterkommen!"

Jesus bleibt stehen.

Er kann nicht weitergehen, wenn da einer lautstark schreit: "Jesus, du Sohn Davids, erbanne dich mein."

Dieser Schrei des Bartimäus, der ausdrückt: Ich habe keinen Menschen, Niemanden, der um mich ist. Eine kaputte Existenz, ohne jegliche Chance auf Lebensänderung, – Lebensbesserung.

"Aber du Sohn Davids, du bist meine Chance. Nimm dich meiner an, erbarme dich mein!"

Konferenz-Blick zu einer Randnotiz in der Morgenbesinnung von Klaus FietkauLiebe Konferenzgemeinde, es ist für mich ermutigend zu wissen, dass der Ruf des Blinden nicht ins Leere geht, nicht im Geschrei der Menschenmenge untergeht, sondern von Jesus aufgenommen wird. Und ich will doch vertrauen, dass auch mein Rufen nicht irgendwo auf der Strecke bleibt, sondern von Christus aufgefangen wird - auch wenn wir keine Bartimäuse sind.

Aber mal ehrlich, manchmal kommen wir uns doch auch so vor. So hilflos und einsam, obwohl wir uns oft in der Menge aufhalten und irgendwie doch im Rampenlicht stehen, was unsere Position mit sich bringt.

Hilflos und einsam, weil wir spüren, wie manche über uns denken und reden. (So ein Armleuchter, so ein blinder Vogel...)

Hilflos, weil wir in irgendeiner Sache anstehen und nicht weiterkommen.

Hilflos, weil Entscheidungen anstehen, denen wir lieber aus dem Weg gehen würden.

Oder Angst haben, weil wir mit mancher familiären Veränderung (Dienstzuweisung) nicht fertig werden.

Blind sind wir nicht, und doch kennen wir so manche Schattenseiten unseres Lebens und Dienstes. Aber Christus kennt sie auch. Halten wir fest: Er bleibt stehen.

II.

Beim Weiterlesen des Textes erfahren wir dann, dass es gar nicht so einfach ist, zu Jesus vorzudringen. Viele ärgern sich darüber, dass dieser Blinde so ein Geschrei macht.

"Was fällt dem eigentlich ein!  Hältst du wohl den Mund! Bursche, wenn du nicht auf der Stelle ruhig  bist..."

Hätte ich mich mitgeärgert, als einer in der Masse?

Nun, diese anderen, sie sind ein echtes Hindernis, dass Bartimäus zu Jesus vordringen kann. Sie stehen im Weg. Sie stehen zwischen Jesus und dem Hilfesuchenden.

Das ist das Tragische.  Wir können Menschen im Wege stehen, dass sie ein Leben mit Christus wagen, bzw. mutig und freudig mit ihm weitergehen. Wir können uns gegenseitig auf den Füssen herumtrampeln und uns in der Nachfolge Christi behindern.

Andern im Weg stehen:

·         Durch stures, eigensinniges Verhalten!

·         Indem ich mein Gegenüber nicht ernst nehme, abqualifiziere!

·         mich hochmütig über Andere hinwegsetze, anstatt Sensibilität zu entwickeln.

Halbherzigkeit, Unversöhnlichkeit, der elende Kampf, wer nun den richtigen Frömmigkeitsstil praktiziert, oder die geistvolleren Lieder singt; – das alles und vieles mehr kann Menschen davon abhalten, das Evangelium für sich zu entdecken.

Sicher, manchmal leide ich darunter, dass ich anderen im Wege stehe, dass mein Verhalten aneckt, dass ich nicht aus meiner Haut schlüpfen kann. Und wenn ich an das Konferenzthema denke "Siehe, ich mache alles neu!" dann denke ich daran, dass Vieles im Leben nach der alten Leier abläuft.

Nein, ich bin nicht immer Aushängeschild eines lebendigen, fröhlichen Glaubens.

Und doch, und das ist befreiend, wird der Ruf Christi wahrgenommen. Das wird in der biblischen Geschichte aufgezeigt. Und Gott sei Dank auch in unserem Alltag so erlebt. Ich kann getrost aufatmen, dass nicht alles von mir abhängt. Gottes Gnade geht ihren Weg. Sie geht den Menschen nach und voraus!

III.

Aber auch Bartimäus geht seinen Weg.

Die anderen sollen ihn nicht davon abhalten, sein Ziel zu erreichen. Er gibt nicht auf, verliert nicht den Mut, lässt sich nicht den Mund verbieten. Ruft ungeachtet der zornigen Blicke weiter: "Du Sohn Davids, erbanne dich mein."

Dieser blinde Bettler macht es uns vor. Dranbleiben! Dranbleiben, damit wir unsere Ziele verwirklichen können.

Ich denke an den Bericht unserer Distriktsvorsteher. Da ist von neuen Initiativen die Rede. Wortwörtlich heißt es da: "es ist vielerorts ein Wille zum Aufbruch da."

Konferenz-Blick zum Thema: Gebildete DVsEin lieber Kollege, den ich sehr schätze (ein ehemaliger Distriktsvorsteher) hat zu mir einmal gesagt: "Klaus, Glaube ist Aufbruch in das heilige Reich der Unsicherheit." (Erst später habe ich gemerkt, dass dieser Satz nicht von ihm, sondern von Martin Buber stammt.)

Aufbruch hat immer mit Veränderung zu tun, mit Konflikten und Einwänden "So haben wir, das noch nie gemacht." Nebenbei bemerkt: die sieben Worte einer sterbenden Gemeinde.

Mir fällt auf und ich will es für mich festhalten:

Bartimäus lässt sich von den Bemühungen der anderen, ihn klein zu halten, nicht von seinem Ziel abbringen. Mit Erfolg - der Ruf Christi erreicht ihn.

Und der Text sagt: "Er warf seinen alten, staubigen Mantel von sich, sprang auf und kam zu Jesus."(V.50)

Mir ist es, als ob er seine Vergangenheit abstreifen will, das alte Leben am Rande der Gesellschaft. Das alte Leben, mit dem festen Gesetzen und Zurechtweisungen der ändern.

Angewiesen zu sein, auf die Almosen, auf die Laune und Gutmütigkeit der ändern. Dessen Meinung, Wünsche und Gefühle nicht viel zählt. Ein Bettler eben...

Aber darum doch die Frage Jesu:

"Was willst du, dass ich dir tun soll?"

"Sprich aus, was dich bewegt, was du auf dem Herzen hast. Bartimäus, ich nehme dich ernst. Auch du Bartimäus bist eine Persönlichkeit."

Und Bartimäus spricht, erfährt Heilung und wird Methodist. "Was schaut ihr mich so ungläubig an?"

Wirklich! Bei der Exegese habe ich es festgestellt. Bartimäus wird Methodist.

Beweis: Vers 52: "Und folgte ihm nach auf dem Wege."

In unserer österreichischen Informationsbroschüre über die EMK heißt es:

Das Wort Methode/Methodisten kommt vom Griechischen und heißt zu deutsch: auf dem Wege sein.

Dann wird wohl stimmen, wenn die das sagen.

Sicher stimmt, dass Christus dich ernst nimmt. Und damit meine ich auch unsere Jährliche Konferenz Schweiz- Frankreich. Er weiß, was uns bewegt. Er weiß um unsere Wünsche, Ziele auch Unsicherheiten und Bedenken.

Vielleicht macht die Geschichte des Bartimäus Mut, auszusprechen, was uns auf dem Herzen liegt.

Altes abzulegen. Neues mit unserm Gott zu wagen.

Vielleicht kann es ja sein, dass Christus schon lange wartet mit der Frage: "Was willst du, dass ich dir tun soll?"

In Christus haben wir einen Ansprechpartner und einen treuen Begleiter.

Amen!

Hinweis: Diese biblische Besinnung war eigentlich nicht für eine Veröffentlichung bestimmt. Der Vortragsstil wurde bewusst beibehalten.

© Klaus Fietkau – Herisau 27.05.2000