Predigt von Bischof Heinrich Bolleter am Konferenzsonntag der Jährliche Konferenz Schweiz/Frankreich

Niederuzwil, den 28. Mai 2000

 

Lesungen: Psalm 33,1-11

Predigttexte: Offenbarung 18,21-24 und Offenbarung 21,1-7

 

Motto der Jährlichen Konferenz: "Siehe, ich mache alles neu!" (Offenbarung 21,5)


 

"Siehe, ich mache alles neu!"

Nehmen wir einmal an, einer unserer Ordinanden würde mit dem Anspruch auftreten, er oder sie sei für das Neue und würde auch dafür sorgen, dass alles in der Gemeinde sich verändere und neu werde; wie würde dieser Pfarrer, diese Pfarrerin, in der Gemeinde aufgenommen?

Würden wir uns das bieten lassen, oder würden wir nicht sehr schnell verteidigen, was wir sind und was wir erreicht haben? Das kann doch nicht sein, dass jemand in die Gemeinde kommt mit dem Vorsatz, er mache alles neu! Auch dann nicht, wenn er oder sie eine Dienstzuweisung vom Bischof hat.

 

Siehe ich mache alles neu!

Im Alltag, insbesondere in den Bereichen der Wirtschaft und der Technologie hat die Vokabel "neu" eine geradezu magische Bedeutung. In der Computertechnologie und im Sektor der Kommunikation hat nur Zukunft, wer sich der Veränderung und der rasanten Erneuerung stellt.

Nun lehrt uns dieser rasante Wechsel in unserer Alltagswelt aber auch, dass nicht alles gut ist, einfach weil es neu ist. Wir lernen zum Beispiel im Bereich der Wirtschaft  sorgfältiger zu fragen, für wen eine Neuerung gut ist und für wen sie Verluste bringt. Wir lernen, dass das menschliche Vermögen, Neues zu erfassen, Grenzen hat.

Ist die Kirche ein Zufluchtsort, in welchem Mann oder Frau Ruhe vor dem anhaltenden Stress in den Veränderungen dieser Zeit finden kann? Oder ist die Pforte zur Kirche dazu die falsche Türe? Derjenige, der in der Kirche angebetet wird, und dessen Wille geschehen soll, wie im Himmel also auch auf Erden, sagt doch auch: Siehe ich mache alles neu.

 

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Neuschaffung und Neuwerdung sind urbiblische Motive. Im Zentrum der biblischen Botschaft steht die Botschaft von Gottes Gnade in Jesus Christus, welche die Menschen und die Welt verändert. Die Bibel spricht von der Schaffung einer neuen Kreatur, vom neuen Leben, vom neuen Bund zwischen Gott und den Menschen, von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Gottes Heilshandeln kann zusammengefasst werden mit den Worten aus Offenbarung 21,5: Ich mache alles neu.

Wenn Gottes Heilshandeln als Neuschaffung oder Neuwerdung verstanden wird,dann müssen doch die Kinder Gottes Freude an allem Neuen haben. Dann ist Neuwerdung Programm und  Inhalt eines Christenlebens.

 

Siehe, ich mache alles neu!

Die Bibel arbeitet oft mit Kontrastbildern. So auch im Buch der Offenbarung an Johannes. Im Zusammenhang mit dem Leitwort der Jährlichen Konferenz stehen die Kontrastbilder: Babylon und Jerusalem. Babylon wird die Hure genannt, Jerusalem die Braut.

Babylon ist die gottlose, dekadente, Jerusalem die Stadt, in der Gott wohnt. Babylon das Symbol einer alten, kaputtgehenden Welt, wo Sünde, Leid und Tod herrschen. Und Jerusalem, wo kein Leid mehr sein wird und kein Geschrei. Wo Gott bei den Menschen wohnt, wo Leben und Licht ist.

 

In diesen Kontrast-Bildern wird das biblische Verständnis von "Alt" und "Neu" aufgezeigt.

"Alt" ist, was dem Leben Feind ist. "Neu" darf genannt werden, was dem Leben dient. "Alt" ist, was Gott ferne und unversöhnt ist. "Neu" nennt die Bibel, was von Gottes Nähe lebt und sich versöhnt. Babylon ist die alte, vergehende Welt. Jerusalem ist Symbol für das Neue, das Gottes Verheißung entspricht: Siehe ich mache alles neu.

 

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Viele stellen sich die Frage nach der Zukunft unserer Kirche. Mitgliederrückgang und  Signale, dass die Ablieferungen der Bezirke nicht mehr wachsen dürfen, lassen uns von Restrukturierung oder von der Konzentration auf das Wesentliche sprechen. Die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation geschieht nicht so sehr im Mutterschoss der Gemeinde, sondern im Netzwerk der Jugendkultur und der dort angesiedelten Veranstaltungen. Wir leiden an der Verweigerung, sich Neuem zu öffnen, weil wir meinen, die Einheit der Gemeinde werde durch das Neue bedroht.

Wer die Zukunft der Kirche will, darf nicht wollen, dass sie bleibt, wie sie ist.

Doch in welche Richtung müsste ein Innovationsschub gehen?

Sollen wir der modischen Verführung verfallen, welche glauben macht, dass alles, was anders ist, zugleich auch besser sei? Welches sind die geistlichen Anhaltspunkte für das Neue, in das Gott uns hineinführen will?

 

Der Textzusammenhang im Buch der Offenbarung mit der Kontrast reichen Bildersprache zeigt:

Das "Neue" in der Bibel hat klare Merkmale:

1. Das Neue ist Gott zugewandt

2. Das Neue ist den Menschen zugewandt

3. Das Neue ist dem Leben zugewandt.

Diese Merkmale sollen auch Orientierungspunkte sein für den Weg der Kirche in die Zukunft und die Auseinandersetzung mit dem  Neuen".

 

1. Das Neue ist Gott zugewandt

Das wahrhaft Neue orientiert sich an Gott. Wer das Neue sucht, der hört auf den Ruf Gottes: "Siehe, ich mache alles neu".

Auf unserm Weg in die Zukunft müssen wir lernen, von uns selbst wegzuweisen und auf Gott hinzuweisen. Unsere kollektiven Existenzängste machen, dass wir uns als Kirche zu sehr mit uns selbst beschäftigen. Und wir wissen: eine Gemeinde, welche sich nur mit sich selber beschäftigt hat keine Ausstrahlung.

Wie oft sind wir mutlos, wegen einer negativen Selbsteinschätzung. Oder wir treten die Flucht nach vorne an und handeln aufgrund einer triumphalistischen Selbstüberschätzung. In einer Welt, in welcher alle sich selber anpreisen, müssen wir lernen, von uns selbst wegzuweisen und auf Gott hinzuweisen.

Ich lade uns ein über die lunare Existenz der Kirche nachzudenken. Wenn der Mond sich selbst zum Thema macht, kann er nur von Stein und Staub berichten. Wenn er jedoch im Licht der Sonne steht, dann macht er die Nächte der Menschen hell.

Die Kirche ist nicht die Sonne. Aber sie spiegelt das Licht der Sonne und macht damit die Nächte der Menschen hell. Und das trotz Stein und Staub und all den Kratern und Wunden aus der Geschichte.

Ich träume von einer EMK, welche nicht zwanghaft mit sich selbst beschäftigt ist. Ich wünsche mir eine EMK, in welcher Menschen Gott begegnen.

Das geschieht, wo wir uns selber neu nach dem Licht Gottes ausstrecken, wo wir unsere "lunare" Existenz bejahen und Gott die Ehre geben. Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, die wahre Gnadensonne.

 

2. Das zweite Merkmal des wahrhaft Neuen: Es ist den Menschen zugewandt.

Gottes abgrundtiefe Zuwendung zum Menschen in Jesus Christus ist die Dynamik des Evangeliums, das wir verkünden.

Darum muss die Zuwendung zum Menschen auch die Dynamik jeder Erneuerung in der Kirche sein. Eine lebendige Gemeinde nimmt Anteil an dem, was die Menschen in ihrem Umfeld, was die Menschen in dieser Welt bewegt.

Ich träume von einer EMK, welche den Menschen in der Welt zugewandt ist. Den Bedrückten und Gebückten kann man nur in die Augen schauen, wenn man sich dem verflixten Trend, groß sein zu wollen, widersetzt. Wenn Gott uns neu macht, so bedeutet das, dass wir unsere steifen Rücken und unsere müden Knie wieder beugen können, um den Gebückten in die Augen zu schauen.

Als Minderheitskirche nehmen wir es hin, wenn wir von den Grossen und Mächtigen nicht beachtet werden. Aber wir können es uns nicht leisten, dass wir an den Armen und den Geringen vorbei leben.

 

 Siehe, ich mache alles neu".

Eine Kirche, welche sich erneuern lässt, ist Gott zugewandt und den Menschen in der Welt zugewandt.

 

3. Ich komme zum  dritten Kriterium für das Neue, das Gott unter uns schafft: das Neue ist dem Leben zugewandt

Die Metapher auf den Konferenzprogrammen hat diesen Gedanken aufgenommen. Die Abfallsäcke und das Zeichen des neuen Lebens, das aus dem zur Entsorgung bereit gestellten Ballast sprießt. Diese Metapher ist ein Bekenntnis. Uns ist nicht bang um die Zukunft unserer Kirche, weil sie aus der Verheißung lebt, dass Gott neues Leben schafft.

Bischof Machado, der Bischof unserer Kirche in Moçambique, hat  vor vier Wochen im Bischofsrat  erzählt, wie schwer die Flutkatastrophe in Moçambique die Menschen und die Gemeinden getroffen hat. Vor allem die unmündigen Kinder wurden ein Opfer der Flutkatastrophe. In den Dörfern leben die Kinder nicht mit den Eltern zusammen, sondern in einem separaten Rundhaus, das die Gemeinschaft für die Kinder erstellt. Als die Flutwelle in der Nacht die Dörfer überraschte, kam jede Hilfe für die Kinder zu spät.

Als "prophetisches Zeichen" hat der Bischof das Schicksal einer schwangeren Frau geschildert. Allein und ohne Hilfe hat sie in der Nacht, als die Flut kam, Zuflucht in einem Baum genommen. Und es kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Sie Knüpfte ihr Wickelkleid in die Äste des Baumes und gebar allein das Kindlein in dieses Tuch hinein. Erst am nächsten Tag kam ein Helikopter, der sie aus der extremen Lage auf dem Baum befreite. Dies sei ein "prophetisches Zeichen": Mitten in der Bedrängnis schenkt Gott neues Leben.

Ein wesentliches Kriterium für das Neue, das Gott schafft, ist das Leben. So muss auch die Erneuerung der Kirche dem Leben zugewandt sein.

 

In allem Ringen um Erneuerung geht es nicht bloß darum, innovativ zu sein. Wir verfallen nicht dem Irrtum, dass alles, was anders ist, auch schon gut ist.

Das Neuwerden in der Bibel hat klare Kriterien: Es ist Gott zugewandt, es ist den Menschen zugewandt, es ist dem Leben zugewandt.

 

In vielen Gemeindebezirken wurden Leitbilder erarbeitet. Mit großer Ernsthaftigkeit werden nun diese Leitbilder umgesetzt. ­ Wo immer ihr Neues wagt, haltet euch an die biblischen Qualitätsmerkmale: Das Neue ist Gott zugewandt, den Menschen in der Welt zugewandt und dem Leben zugewandt.

 

Von den Plakatwänden und in den Medien werden uns laufend Neue Produkte angeboten. Die Gemeinde sucht ihre neuen Wege nicht produktorientiert. Sie verfolgt ein beziehungsorientiertes Neuwerden: Gott zugewandt, den Menschen zugewandt, dem Leben zugewandt. Die Kontrastbilder Babylon und Jerusalem zeigen auf, dass, wo diese drei Merkmale vergessen gehen, es nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Welt abwärts geht. Es ist faszinierend, wie die Zürcher Bibel über Babylon schreibt. Das Gewinnstreben zerstört die Kultur und die Lebenszusammenhänge. Zitat über Babylon: "Der Ton der Harfenspieler und der Musiker... wird nicht mehr gehört werden,... kein Künstler in irgend einer Kunst wird mehr in dir gefunden werden, und das Geräusch der Mühle wird nicht mehr in dir gehört werden, denn deine Kaufleute waren die Grossen der Erde, ...durch deine Zauberei sind alle Völker verführt worden" (nach Offenbarung 18,22-24).

 

Ich komme zum Schluss:

Gott spricht: "Siehe, ich mache alles neu". Unser Weg in die Zukunft lebt von dieser Zusage. Und diese Zusage ist  zuverlässig und wahr. "Wer überwindet wird dies ererben" (Offb. 21,5+7).

Die Frage nach der Zukunft der Kirche bewegt uns alle. Auch unsere Ordinanden.

Ganz gewiss haben wir etliches am eigenen Haus in Ordnung zu bringen. Wir tun es nicht zwanghaft, nicht mit neidischem Blick auf die Erfolgreichen. Wir tun es im Vertrauen auf den, der uns zu ruft: Siehe, ich mache alles neu.

Wer die Zukunft der Kirche will, darf nicht wollen, dass sie bleibt, wie sie ist.

Wer die Zukunft der Kirche will drängt aber auch nicht auf Veränderung um jeden Preis.

Das Neue, das Gott der Kirche verheißt, trägt drei klare Markenzeichen: Es entfaltet sich in einer erneuerten Beziehung zu Gott, einer neuen Zuwendung zu den Menschen und zum Leben. Wenn Gott alles neu machen will, so negiert er damit nicht die Geschichte mit unseren Vätern und Müttern im Glauben.

Wir denken gerne an den Mut der Väter und der Mütter unserer Kirche, welche mit großer Begeisterung Gott gedient haben. Sie waren nicht angetreten mit dem Anspruch, dass sie alles neu und besser machen. Aber sie haben gelebt und gehandelt im Vertrauen auf den, der sagt: Ich mache alles neu.

Die EMK wird gestärkt aus dem Umbruch in unseren Tagen hervorgehen. Gott wird ihr einen zweiten geheiligten Mut schenken. Und wir werden erneut unsere Herzen und unsere Gedanken und unsere Hände öffnen für eine lebendige Beziehung zu Gott, zu den Menschen. Und wir werden uns neu für das Leben einsetzen, weil wir im Glauben an den auferstandenen Christus der Verheißung Gottes vertrauen: Siehe ich mache alles neu!

Amen.

 

© Heinrich Bolleter, 20.05.2000