Festgottesdienst mit Ordination

Predigt: Bischof Heinrich Bolleter

Olten, 10.06.2001

Thema: PfarrerIn sein – Wie kann man das?

Text: Johannes 21, 15-19

Zu diesem Text gibt es eine Powerpoint-Präsentation (5,87MB) sowie ein Video (56k-Modem oder ISDN) sowie eine Winword2000-Datei (33KB)

 

Liebe Konferenz, ich lade Euch ein zu einem Frühstück am See Tiberias. Nein, nein, es ist kein Arbeitsfrühstück und keine verkappte Kommissionssitzung. Kommt, es ist alles bereit, schmecket und sehet wie freundlich der Herr ist!

Sieben Jünger hatten die ganze Nacht ohne Erfolg gearbeitet. Wir treffen sie nun beim Frühstück am See Tiberias. Und der auferstandene Herr Jesus Christus ist auch dabei. Petrus, der in seinem Herzen immer noch die Wunde eines Verräters und Versagers mit sich trägt, erfährt im Gespräch mit Jesus Heilung und neue Beauftragung.

Ich lese im Johannes Evangelium Kapitel 21, die Verse 15 - 19:

 

"Als sie nun gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, des Johannes Sohn, liebst du mich mehr als diese hier? Er sagte: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Er sagt darauf: Weide meine Lämmer! Da fragte er ihn zum zweiten Mal: Simon, Johannes Sohn, liebst du mich? Er antwortete: Ja, Herr, du weißt das ich dich lieb habe. Er antwortete darauf: Weide meine Schäflein! Da fragte er ihn zum dritten Mal: Simon, Johannes Sohn, hast du mich lieb? Petrus wurde betrübt, weil er ihn zum dritten Mal fragte: Hast du mich lieb? Und er sagte zu ihm: Herr, du weißt doch alles. So weißt du auch, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schäflein. Amen, amen, ich sage dir: Als du noch jünger warst, hast du dir selbst den Gürtel umgelegt, und bist deine Wege gegangen, wohin du wolltest. Doch wenn du alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Mit diesen Worten wollte er andeuten, mit welchem Tode er Gott verherrlichen sollte. Danach sagte er zu ihm: Folge mir nach!"

 

Heute werden sieben Menschen vor uns stehen, welche zum Dienst als Pfarrer in der EMK beauftragt werden. Können sie sich selbst und können wir sie noch im Rollenbild des Hirten sehen? PfarrerIn-sein – wie kann man das?

Im verlesenen Bibeltext bietet sich das Hirtenbild für den Dienst eines Pfarrers an. Und es ist uns bewusst, dass heute die Weide nicht mehr dieselbe ist, die Herde ist nicht mehr dieselbe und die Hirten sind auch nicht mehr dieselben.

Bei meinem Besuch in Transkarpathien vor drei Wochen hat der junge Mitarbeiter aus dem Ukrainischen ins Englische übersetzt. Dabei sollte er Psalm 23 übersetzen. Da er das traditionelle Wort "Shepherd" (Hirte) nicht im Wortschatz hatte, sagte er frisch-fröhlich: Der Herr ist mein Cowboy, mir wird nichts mangeln.

Die Bilder ändern sich, die Sprache ändert sich, aber der Auftrag bleibt derselbe.

 

Im Bericht der Distriktsvorsteher an die JK wurde gefragt: "Was für Pfarrer und Pfarrerinnen brauchen unsere Gemeinden?" Da war nichts von der Hirtenidylle zu finden. Es wurde vielmehr von Leitungskompetenz, Sozialkompetenz, Methodenkompetenz und von geistlicher Kompetenz gesprochen. Viele unserer Pfarrerinnen und Pfarrer stehen in den Gemeinden unter einen großen Leistungs- und Erfolgsdruck. Manchmal sind es auch die Pfarrer, welche die Gemeinde unter Erfolgsdruck stellen.

Karl Barth ist über Jahre Pfarrer gewesen, bevor er Professor der Theologie in Basel wurde.

Er sagte, im Blick auf das Pfarrersein sei die wesentliche Frage nicht, "Wie macht man das?" sondern "Wie kann man das?" (In "Das Wort Gottes und die Theologie", Seite 103).

Ist es nicht so, dass wir uns zu oft auf das Machbare, Organisierbare, auf das, was Erfolg bringt, ausrichten? Da sind wir alle Kinder unserer Zeit! Wir haben uns die Rolle von Fachreferenten, von Managern und Entertainern oder von Funktionären geben lassen. Und wir bezahlen dafür einen hohen Preis. Nämlich den Preis der beständigen Selbstrechtfertigung: Ich bin, was ich leiste!

Barth stellt die Frage nach der pastoralen Existenz auf eine andere Ebene: Nicht "Wie macht man das?" sondern, "Wie kann man das?"

Es geht ihm um die Berufung, oder sagen wir, es geht darum, dass wir getragen sind von einer inneren Leidenschaft für Christus und sein Reich.

Qualifikationen der Ausbildung sind wichtig, aber wir bleiben darauf angewiesen, dass Christus uns für tauglich erklärt in seinem Dienst.

Ein junger Mann suchte einen Rabbi auf. Der fragte ihn, was er bisher getan habe. Der junge Mann antwortete: "Ich bin dreimal den ganzen Talmud durchgegangen". "Gut", sagte der Rabbi, "aber wie viel vom Talmud ist durch dich durchgegangen?"

PfarrerIn-sein – wie kann man das?

Ich habe fünf Gedankenanstöße auf Grund des Wortes aus Johannes 21. Wir kehren also zurück zum Frühstück am See Tiberias.

 

1. Erfolgsdruck kann blind machen

Sieben Jünger haben die ganze Nacht gearbeitet und keinen Fisch gefangen.

Da offenbarte sich ihnen der auferstandene Jesus am See von Tiberias. Hallo Gemeinde, hallo Pfarrer, hallo hyperventilierender Bischof! Wohin schaut ihr? Ins dunkle Wasser, ob nicht doch noch ein Fisch sich fangen lässt? Jesus steht am Ufer und erwartet Euch! Das Johannesevangelium stellt trocken fest: "Aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war".

Erfolgsdruck kann blind machen für die geistlichen Realitäten. Schon im alttestamentlichen Buch des Predigers lesen wir (11,4): "Wer ständig nach dem Wind schaut, kommt nicht zum Säen, wer ständig die Wolken beobachtet, kommt nicht zum ernten". Erfolgsdruck kann blind für die geistlichen Realitäten machen, auch blind machen für den Kairos, den Gott für den großen Fischzug schenken will.

2. Zuerst Empfangen, dann Handeln

Als sie das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Hast du mich lieb? Und, weide meine Schafe!

Zuerst die Mahlgemeinschaft und dann der Auftrag.

Zuerst Empfangen und dann Handeln. Diese Reihenfolge gilt im Reiche Gottes. Sie steht der heute geltenden Lebensauffassung stracks entgegen und das nicht nur in der Leistungsgesellschaft sondern oft auch in der Kirche.

Zuerst Empfangen und dann Handeln. Das ist kein Plädoyer zur Untätigkeit. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass unsere Aktivitäten nachhaltiger würden, wenn sie mit mehr Ruhe vorbereitet wären.

Himmel und Hölle haben für mich eine neue Bedeutung erlangt: Hölle ist da, wo allein Leistung und Erfolg zählen. Wo gefordert wird, bevor man empfangen hat. Der Himmel ist da, wo es Raum gibt, sich beschenken zu lassen: z.B. mit einem Frühstück am See Tiberias in der Zwiesprache mit dem auferstandenen Christus.

 

3. In der Mitte: Die Liebe zu Christus

"Simon Petrus hast du mich lieb?" Das ist die zentrale Frage.

Der pastorale Dienst ist wie ein Rad mit Speichen. Die Speichen sind die Kompetenzen, die er mitbringt oder sich aneignen muss. Sie sind wichtig für die Funktionstüchtigkeit des Rades. Noch wichtiger aber ist das Zentrum des Rades, die Achse, um die es dreht.

Wie steht ein Pfarrer/ eine Pfarrerin heute in der kirchlichen Landschaft? Einige möchten sie zu einem Chamäleon machen, das sich gut und gerne an die vorgegebene Gemeinde- oder Kirchenlandschaft anpasst. Wir brauchen aber keine Chamäleons, wir brauchen PfarrerInnen, welche in Christus zentriert sind und den Mut haben, die Kirche in ihren vielen Aktivitäten auf ihre eigentliche Aufgabe aufmerksam zu machen, nämlich "Seelen zu retten und die Nation zu reformieren" (John Wesley).

Die dreimalige Frage erinnert an die dreimalige Verleugnung durch Petrus. Wer zwischen den Zeilen liest, versteht, dass in jeder neuen Beauftragung durch Christus auch die Vergebung für vergangenes Versagen enthalten ist.

Und das ist es, was wir brauchen. Die Motivation aus der Mitte, welche uns hilft, beim Kerngeschäft zu bleiben, und, welche uns ermöglicht, die Wunden der Schuld und des Versagens hinter uns zu lassen.

So kann man PfarrerIn sein und bleiben.

4. Zusammenarbeit hat Vorrang

"Folge mir nach!" Nachfolge Jesu ist stets etwas Gemeinschaftliches. Sieben Jünger sind da am See Tiberias. Johannes ist auch da, der ewige Konkurrent des Petrus. Johannes ist viel weniger aggressiv als Petrus. Darum macht er auch weniger Fehler. Diese verschiedenen Charaktere kooperieren nicht so leicht. Dennoch stehen sie unter dem gleichen Ruf Jesu: Folge mir nach!

Oh, wir haben sie auch diese verschiedenen Charaktere in unserer Dienstgemeinschaft. Und wir müssen uns stets neu in der Zusammenarbeit üben.

Die "kooperative Pastoral" umfasst aber nicht nur die Vollzeiter sondern auch die freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die gemeinsame Berufung aller Christen und der gemeinsame, sich in den verschiedenen Gaben ergänzende Dienst ist ein großer Segen.

Der Arbeitsstil, wo der Pfarrer (die Pfarrerin) als Generalist alles an sich reißt, entsprach nie der Gesinnung des Christus. Nachfolge und Dienst für Christus ist immer etwas Gemeinschaftliches. Das müssen sich alle sagen lassen, welche glauben, dass sie allein schneller zum Ziel kommen. Am Ziel werden sie gefragt werden: Wo ist dein Bruder, wo ist deine Schwester?

5. Dort sein, wo die Not am größten ist

"Als du noch jünger warst, gingst du, wohin du wolltest. Aber ein anderer wird dich gürten und dorthin bringen, wo du nicht willst".

Mit diesen Worten wurde der Märtyrertod des Petrus angesprochen. Es ist aber grundsätzlich wahr, dass wir in der Nachfolge Jesu oft dorthin geführt werden, wo wir nicht hingehen wollen.

Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger auch nicht nur zu den "Schäflein" gesandt. Er sagte auch: Siehe ich sende euch wie Schafe mitten unter die reißenden Wölfe.

In unserer Welt ist für viele das Gelingen des Menschseins in Frage gestellt.

Kinder und Frauen in Kriegs- und Katastrophengebieten. Allein erziehende Mütter in unserer Nachbarschaft. Alkoholiker und Drogensüchtige in unseren Dörfern. "Hirten" sollten dort sein, wo das Gelingen des Menschseins besonders gefährdet ist.

Die EMK ist eine Kirche im Umbruch. Wir entdecken aber, dass das, was uns kirchenintern beschäftigt, oft zweitrangig ist. Unser erster Platz ist in der Welt, bei den Menschen in Not. Eine Welt, in der z.B. die Würde des Menschen als Geschöpf Gottes dem digitalen Nihilismus geopfert wird.

In Ungarn hat sich kürzlich ein Fernseh-Journalist damit gebrüstet, dass er ein Interview mit einem russischen Mafiaboss auf Sendung bringen konnte. Und er fragte den Mafiosi vor laufender Kamera, was ein Auftrag zur Ermordung des Ungarischen Staatspräsidenten kosten würde. Und der Mafiaboss, dessen Identität nicht preisgegeben wurde, antwortete vor laufender Kamera, dass 1 Million US-Dollar genüge. In einer Welt, in der jeglicher Respekt vor Berufungen und Beauftragungen in der  Öffentlichkeit verloren gegangen ist. In einer Welt, wo die Menschenwürde ungestraft der Geilheit der Fernsehzuschauer geopfert wird, muss die Kirche ihre Stimme erheben. Hier sind die Vollzeiter in ein Wächteramt berufen und zu einem mutigen Zeugnis in der  Öffentlichkeit.

Wenn es uns wirklich um das Gelingen des Menschseins geht, dann müssen wir aber auch Raum schaffen, wo der Mensch würdig geachtet wird, weil er ein Original ist, das Gott geschaffen hat und liebt.

Die Bischöfe der EMK haben ein Zeichen gesetzt mit der Initiative "Kinder und Armut". Sie unterstützen weltweit alle Initiativen, welche helfen, damit für die Kinder das Menschsein gelingen möge. (Einspielen einer Sequenz des Videos "Prayer of the Children" Modem 56K [460KB] oder ISDN [1356KB]).

"Kannst Du das Gebet der Kinder hören? Sie schreien zu Jesus mit leeren Augen, denn sie haben keine Tränen mehr." Das Lied wurde von einem Kroaten geschrieben und spricht von der Hoffnung für bessere Tage ohne Krieg und Armut.

Wir kommen zum Schluss:

Wir waren eingeladen zum Frühstück am See Tiberias. Wir haben uns dem Reden und Handeln des Auferstandenen gestellt. Wir haben die Frage bewegt: PfarrerIn sein – Wie kann man das?

Sind fünf Gedankenanstöße zuviel zum Mitnehmen?

1. Erfolgsdruck kann blind machen für die geistlichen Realitäten

2. Zuerst Empfangen, dann Handeln

3. In der Mitte steht die Liebe zu Christus

4. Zusammenarbeit hat Vorrang

5. Dort sein, wo die Not am Größten ist.

Solcher Dienst wächst aus der Zwiesprache mit Jesus am See Tiberias in Rothrist oder wo immer der Platz Deines Dienstes ist.

PfarrerInsein in einer Welt und in einer Kirche im Wandel ist nicht leicht.

Darum ist die Achse so wichtig, um welche das Rad Deines Dienstes dreht.

Amen.