Evangelisch-methodistische Kirche

Jährliche Konferenz 2001

Bericht der Distriktsvorsteher

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0. Inhaltsverzeichnis

Bericht der Distriktsvorsteher

1. lieben, loben, wachsen

2. Welchen Gemeinden begegnen wir?

3. Welche Pfarrerinnen, Pfarrer und Gemeindehelferinnen brauchen die Gemeinden?

4. Welche Gemeinden braucht die Welt?

5. Welche Kirche brauchen unsere Gemeinden?

6. DaNK

 

1. lieben, loben, wachsen

Diese drei Worte wecken eine Spannung. Ist damit die ideale Gemeinde gekennzeichnet? Wo bleibt dann aber das Hoffen, das Glauben, das Dienen?

Ist, nachdem das letztjährige Konferenzthema ("Siehe, ich mache alles neu") von dem sprach, was der erhöhte Christus tut  nun das dran, was wir tun können und tun müssen?

Die vielen Erfahrungen und Eindrücke, die wir aus unsern Gemeindebesuchen mitbringen, sind umfangreicher und differenzierter, als diese drei Begriffe es zu sagen vermögen. Wir erleben, dass Menschen dann und wann auch leiden, dass sie hin und wieder streiten, dass nicht nur Lob, sondern auch Klage einen Platz im Gemeindeleben und im Glaubensleben der Einzelnen einnimmt. Wir sind nicht nur eine Gemeinschaft von wachsenden Gemeinden. Auch stagnierende und abnehmende Gemeinden gehören zu uns und sind deshalb nicht a priori weniger authentisch ein Teil der Kirche Jesu Christi. In unserm Bericht müssen wir auch davon schreiben!

Und dann wollen wir gleich zu Beginn auf eine wichtige biblische Wahrheit hinweisen: Im Zeugnis von Jesus Christus haben diese drei Begriffe einen sehr beachtlichen Unterschied in ihrer Bedeutung. Nie kann die Echtheit einer Gemeinde am Loben gemessen werden, weder am Ausmass des Lobes noch an der Art, wie es dargebracht wird. Nie kann die Lebendigkeit einer Gemeinde am Wachstum gemessen werden. Wer solche Massstäbe anzulegen versucht, begibt sich auf eine falsche Fährte. Von der Liebe jedoch sagt Jesus, sie sei das Grösste und Vornehmste, das es sowohl in unserer Beziehung zu Gott als auch in unserer Beziehung zu den Mitmenschen gebe. Von der Liebe sagt Christus: Daran wird die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid, dass ihr Liebe habt untereinander. Es hängt die Freude und die Kraft unseres Christseins davon ab, dass wir mit Jesus diese Einzigartigkeit und diese Erstrangigkeit der Liebe glauben, bekennen und vor allem leben. Es gehört zum Geheimnis des Unterwegsseins mit Christus, dass diese Liebe ganz und gar Sein Geschenk ist. Er gibt sie durch den Heiligen Geist in unsere Herzen. Diese Liebe nimmt aber gleichzeitig unsern ganzen Willen, unsere ganze Kraft und Zeit, unsere ganze Tüchtigkeit und Einsatzbereitschaft in Anspruch und versetzt sie in höchste Aktivität. Wir erleben bei unsern Besuchen in den Gemeinden, wie nahe beieinander es oft liegt, in dieser Spannung eine unerschöpfliche Quelle der Lebendigkeit zu finden oder einen Anlass zu Widersprüchen und Zweifeln, in denen sich die Energie verbraucht und die Herzen sich wund reiben.

 

2. Welchen Gemeinden begegnen wir?

"Wir", das sind in diesem Abschnitt die Distriktsvorsteherin und die Distriktsvorsteher. Wir versuchen, eine kleine Auswahl unserer Beobachtungen und Eindrücke etwas zu bündeln und zu deuten.

2.1 Wir stellen fest, dass der Gottesdienst der versammelten Gemeinde überall unaufgebbarer (wenn auch nicht immer unbestrittener) Mittelpunkt des Gemeindelebens ist.  Der Gottesdienst ist ein umfassendes Angebot von Wort Gottes und Gemeinschaft, von intellektuellem Angesprochensein und emotionalem Bewegtsein, in das Jung und Alt einbezogen sind. Wir stellen fest, dass isolierte Angebote für Erwachsene, ohne Koordination mit Kinderbegleitung und -Unterweisung nur wenig Ausstrahlung und Anziehungskraft zu entfalten vermögen. Folgerichtig sind die traditionellen Aussenstationen der Bezirke zahlenmässig am Abnehmen. Das Raumangebot und die zeitliche Ansetzung der Gottesdienste muss auf diese Gegebenheiten Rücksicht nehmen. Die Situationen, bei denen eine einzige Person an einem Sonntagmorgen zwei Gottesdienste leiten kann, werden nach und nach verschwinden. Die Gottesdienste, die bereits um 08.30 Uhr beginnen, tragen in sich schon allein aufgrund äusserlicher Rahmenbedingungen kaum eine Zukunftsperspektive. Es nützt nichts, zu sagen, das Evangelium müsse einem so viel Wert sein, dass man so früh aufstehe. Die Verhältnisse unserer Gesellschaft sind heute so, dass solche Angebote keine Resonanz mehr finden. Die meisten Gemeinden haben ihr Gemeindeleben entsprechend angepasst. Wir ermutigen und bestärken die PfarrerInnen und die zuständigen Gremien der Bezirke, dieser Realität auch weiterhin Rechnung zu tragen. An wenigen Orten wird ein altbewährtes Gottesdienstmodell mit einer Versammlung nur für Erwachsene, zu einer Zeit, die vor allem den langjährigen Gewohnheiten entspricht, gepflegt. Diese Pflege trägt eine grosse Gefahr in sich: Sie könnte zur Sterbebegleitung werden.

Wir sind uns in diesem Zusammenhang bewusst, dass die Anzahl unserer Gemeinden und die Anzahl der angestellten Verkündiger und Verkündigerinnen nicht übereinstimmen. Einige müssen mehr als einen Gottesdienst pro Sonntag gestalten. Wo Gemeinden nahe beieinander liegen, sind deshalb in den letzten Jahren Gemeinden zusammengeführt und Gottesdienste zusammengelegt worden. Nicht überall ist dies möglich und sinnvoll. Wir ermuntern deshalb weiterhin dazu, die Verkündigung durch Laien zu fördern, damit die Gottesdienste und ihre zeitliche Ansetzung nicht allein von der Bewältigungsmöglichkeit durch eine Person abhängig sind.

An einzelnen Orten setzen wir mehr als eine Person aus dem Kreis der Dienstgemeinschaft ein. Dabei sind uns folgende Kriterien wichtig: Die Kapazität der freiwilligen Mitarbeit ist ausgeschöpft; die Bezirke haben klare Ziele für ein Konzept mit dem (zeitlich begrenzten) Einsatz einer zweiten Person; der Einsatz ersetzt die freiwillige Mitarbeit nicht, sondern fördert sie; der Einsatz ist für den Bezirk finanziell tragbar.

Wir sind überzeugt, dass solche Prozesse, insbesondere die Zusammenlegung von Gottesdiensten und Gemeinden, als Anliegen vor Ort angestossen werden und reifen müssen. Konferenzbeschlüsse vom grünen Tisch aus, die in dieser Sache Richtlinien setzen wollen, führen nicht weiter. Es gehört zur Aufgabe der Distriktsvorsteherin und der Distriktsvorsteher, die Bezirke und ihre Verantwortlichen in diesen Fragen zu beraten und zu begleiten.

2.2 Wir stellen fest, dass die Atmosphäre in den Gottesdiensten fast durchwegs lockerer, alltäglicher, umgänglicher geworden ist. Der mehrheitlich fraglose Gebrauch der schweizerdeutschen Sprache ist ein Zeichen dafür. Früher waren Feierlichkeit und Erhabenheit zwar nicht die einzigen, aber doch eindeutige Ausdrucksmittel für das Zeugnis der Gottesgegenwart. Heute erleben viele Leute die Freundschaftlichkeit, Nähe und Umgänglichkeit (oder allenfalls noch den Gebrauch der englischen Sprache) als Ausdrucksmittel für die Gottesgegenwart. Die Erfahrungen zeigen, dass es müssig ist, sich solchen Veränderungen gegenüber zu verschliessen. Wir stellen eindeutig fest: Weder das Bewahren der früheren Zustände noch die Veränderung um der Veränderung willen sind automatisch ein angemessener Ausdruck der Echtheit und Zuverlässigkeit unseres Glaubens und unserer kirchlichen Gemeinschaft. Immer müssen die äusserlichen Ausdrucksmittel der gottesdienstlichen Feier ein Abbild innerlich gelebter Glaubenswirklichkeit sein. In unserm heutigen gesellschaftlichen Umfeld jedoch ist das Bedürfnis nach einer zuverlässigen und tragenden Menschlichkeit in den Beziehungen ganz besonders aktuell und dringlich. Es verwundert deshalb nicht, dass Gottesdienste, die diese geistliche Realität darzustellen vermögen, mehr Resonanz finden.

2.3 Wir stellen fest, dass in unsern Gemeinden zur Zeit kaum theologische Fragen diskutiert werden. Das heisst nun allerdings nicht, dass die theologische Substanz in den Gemeinden mager oder schwach sei. Neben der regelmässigen Wortverkündigung vermitteln die zahlreichen Angebote in der Laienschulung sowie der Bibelkurs "Glaubensschritte" und "Alphalife-Kurse" gute biblisch-theologische Grundlagen für das persönliche Christsein und für die Gestaltung der gelebten Gemeinschaft.

Aber die auffälligsten Vorgänge in der Mehrzahl unserer Gemeinden sind die Auseinandersetzungen um die Gestaltung der Beziehungen, um die Veränderung von Strukturen der Gemeindeleitung und um die Lenkung von Prozessen. In diesen Bereichen sind die Anforderungen ganz erheblich gestiegen. Männer und Frauen bringen mit ihrer freiwilligen Mitarbeit in den Kommissionen aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Erfahrungen hohe Kompetenzen und damit auch hohe Erwartungen in die Gemeinden. Die in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungskreisen üblichen Vorgänge lassen sich aber oft nicht unverändert auf die kirchliche Situation mit ihren geistlichen Wertvorstellungen und mit ihrer Basis der Freiwilligkeit und der Ehrenamtlichkeit übertragen. Wir stellen fest, dass in diesem Zusammenhang viele Kräfte aufgerieben und viel Motivation verbraucht wird. Die besten Erfahrungen für einen konstruktiven Umgang mit diesen Herausforderungen beobachten wir dort, wo die Zielsetzung der Gemeindearbeit bekannt und breit abgestützt ist, wo sie sinngemäss das alte methodistische Bekenntnis aufnimmt: "Seelen retten und Heiligung über die Lande verbreiten", und wo die alltäglichen Entscheidungen sich diesem Kern unseres Auftrages ein- und unterordnen.

 

3. Welche Pfarrerinnen, Pfarrer und Gemeindehelferinnen brauchen die Gemeinden?

3.1 Die Erwartungen unserer Gemeinden an jene Personen, die in einer durch kirchliche Beauftragung anerkannten und im Rahmen von kirchlichen Anstellungsbedingungen entlöhnten Mitarbeit stehen, sind gross, manchmal fast erdrückend schwer. Da erachten wir es als unsere Aufgabe, uns moderierend einzumischen und Hilfe zu gelebter Menschlichkeit und dann und wann auch zu etwas Barmherzigkeit einzubringen.

Natürlich ist auch das Andere hin und wieder von Nöten: Dass wir berechtigte Erwartungen stützen und zu deren Erfüllung das uns Mögliche beitragen. Es sind dies die Erwartungen von Fachkompetenz, von Personal- und Sozialkompetenz und von Methodenkompetenz. Die theologische Ausbildung im Seminar in Reutlingen, die dreijährige Begleitzeit ins Predigtamt und die permanente Weiterbildung an Pfarrerversammlungen und in individuell gewählten und gestalteten Weiterbildungsanlässen bieten eine gute Grundlage zum Erwerb und zum Ausbau dieser drei Kompetenzbereiche. Ohne deren Wert und deren Notwendigkeit schmälern zu wollen, gehen wir in unserm diesjährigen Bericht nicht näher darauf ein. Es war in den Berichten der letzten Jahre wiederholt die Rede davon.

3.2 In allen Bereichen der kirchlichen Mitarbeit ist vor allen andern Kompetenzen nach der geistlichen Kompetenz zu fragen und auf sie zu bauen. Personen, deren Mitarbeit durch kirchliche Beauftragung anerkannt ist und deren Mitarbeit entlöhnt wird, stehen unter einer gesteigerten Erwartung, dass diese geistliche Kompetenz ihr Wesen und ihr Handeln prägt. Auf dem Weg ins Predigtamt ist das Fragen nach dem Vorhandensein dieser geistlichen Kompetenz durch die von den Gemeinden auszusprechenden Empfehlungen und durch die öffentliche Beantwortung der historischen Fragen zur Aufnahme in die Konferenzmitgliedschaft unübersehbar institutionalisiert.

Aus den vielen Aspekten, die im Ausdruck "Geistliche Kompetenz" enthalten sind, greifen wir deren vier heraus.

(1) Die persönliche Vertrauensbeziehung zu Christus, gegründet in seiner Gnade und Versöhnung, ist die grosse Freude und Erfüllung meines Lebens.

(2) Die Kenntnis und Erkenntnis der biblischen Botschaft ist der Wertmassstab meines Lebens, nach dem ich mein Denken und Handeln ausrichte und den ich als höchsten und sichersten Wert für alles menschliche Verhalten kommunizieren will.

(3) Die im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi ein- für allemal geschaffene Tatsache, dass Veränderung und Erneuerung des Lebens möglich ist, glaube ich als die Überlebensstrategie für mich, meine Nächsten und für die ganze menschliche Gemeinschaft, von der ich ein Teil bin.

(4) Die Vermittlung dieser Werte und Möglichkeiten an meine Mitwelt durch das Zeugnis in Wort und Tat halte ich für die Herausforderung meines Lebens, für deren Erfüllung es sich lohnt, alle Kräfte und alle Möglichkeiten einzusetzen.

Mit diesen Worten reden wir vom Geheimnis der Berufung. Wir sprechen vom "brennenden Herzen". Wir bestätigen die eh und je vorhandene Gewissheit, dass die Mitarbeit im kirchlichen Dienst vor aller fachlichen und methodischen Befähigung der geistlichen Berufung bedarf. Nie wird es möglich sein, die Gewissheit der Berufung in letztgültiger Weise von aussen her zu beurteilen. Es ist immer ein geistlicher Weg, den Gott in seiner Güte und Treue mit jeder Person auf die ihr angemessene Weise geht, der aber immer in die unbedingte und persönliche Betroffenheit von der Sache mit Gott, von Gottes Sache mit mir und mit dieser Welt, führt. Dabei führt dieser Weg für alle, die ihn mehr als nur einen kurzen Lebensabschnitt lang gehen, durch dunkle Tiefen und über lichte Höhen. Die Echtheit der Berufung bestätigt sich nicht durch die Höhe oder Menge der guten Tage, und sie zerschellt nicht an der Tiefe oder Vielzahl der bösen Tage. Sie hängt einzig und allein an der Treue Gottes. Sie erweist sich als echt im Vertrauen und Gehorsam derer, die den Ruf vernommen haben. Wir danken Gott für das Geschenk der Berufung, das in ungezählten Männern und Frauen unserer kirchlichen Dienstgemeinschaft lebendig ist.

Und wir ermuntern alle dazu, dieses Geschenk der Berufung durch Worte hörbar und durch Taten sichtbar zu machen. Jede Predigt, jeder Hausbesuch, jedes Seelsorgegespräch, jede Kommissionssitzung trägt in sich die Chance, die erwähnten Dimensionen der geistlichen Kompetenz zur Entfaltung zu bringen.

Als Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Nachfolge Christi erleben wir Stärke und Wirkung unseres Dienstes, wo wir sichtbar und nachvollziehbar aus diesen Quellen schöpfen. Es ist gut, wenn das immer wieder Inhalt unseres Redens miteinander und unseres Sorgens füreinander wird.

 

4. Welche Gemeinden braucht die Welt?

4.1 "An der Jährlichen Konferenz 2001 sollen Schwerpunktgemeinden bestimmt werden, die bis im Jahr 2005 zu Paradigmen und Ressourcen für die Gemeindearbeit der ganzen EMK aufgebaut werden." Viele Abklärungen, Erwägungen und Gespräche haben uns dazu geführt, dass wir keine Bezirke nennen, die als Paradigmen für die Gemeindearbeit der ganzen EMK aufgebaut werden sollen. Um einem möglichen Missverständnis des letztjährigen Antrages zuvorzukommen, halten wir in aller Entschiedenheit fest: Nicht welche Gemeinden die EMK braucht, ist die entscheidende Frage, sondern welche Gemeinden die Welt braucht. Wir gehen davon aus, dass wir damit den Sinn und Geist der Antragsteller richtig verstanden haben.

Natürlich können wir jetzt einige Bezirke aufzählen, um dem Bedürfnis nach sichtbaren Beispielen an konkreten Orten nachzukommen. Wir können von Davos sprechen, einer Diasporagemeinde, die sich aufmerksam ihrem eigenen Umfeld stellt. Wir können dabei den Glaubensmut und die Sendungsgewissheit beschreiben, die hinter der Tatsache stehen, dass erneut ein Pfarrer die Dienstzuweisung dorthin erhält, obschon es in der Statistik Zahlen zu lesen gibt, die andere Entscheidungen nahe legen könnten. Wir können vom Bezirk Lyss sprechen - im Mittelland gelegen - mit der Arbeit in Aarberg, in Lyss und in Büren. Insbesondere in Aarberg und Büren schien in den 70-er Jahren für eine methodistische Gemeindearbeit keine Perspektive mehr möglich zu sein. Wir können von grossen Zahlen auf dem Bezirk Aarau sprechen, sodass an manch anderem Ort Entmutigung, Verzagtheit oder gar Missgunst aufkommen könnten. Wir können von Thun berichten, einem Bezirk in einer Kleinstadt und in Pendler-Distanz einer Grossstadt. Wir können die dortige Zeit einer vakant gebliebenen Pfarrstelle analysieren und vom AAA-Konzept (anknüpfen, ansprechen, aneignen) berichten. Wir können von Windisch-Brugg erzählen, von Enttäuschungen, Missmut, aber auch Glaubenskraft, Aufschwung und Vertrauen, wie sie in den letzten fünf Jahren das Gemeindeleben prägten. Die Arbeit in Zürich 4-Stauffacher, einer Innercity-Gemeinde mit  dem sozialen Engagement im Quartier, kann beschrieben werden. Wir können von den Stadtberner Bezirken reden, die in einer Arbeitsgruppe neu gemeinsam nach ihrem Auftrag in der Grossstadt fragen.

Alle diese Situationen lassen sich nicht als Rezept oder als Schablonen verstehen. Sie lassen sich nicht auf andere Orte und in andere Zusammenhänge übertragen. Man darf sie nicht kopieren. Man kann sie jedoch kapieren und daraus Anregung und Ermunterung empfangen. Der Versuch, solche Gemeinden als Paradigmen zu verstehen, führte uns zwangsläufig in einen Prozess von Einteilung in eine Art von "Verlierer" und "Gewinner" die für unsern gemeinsamen Lernprozess an geistlichen und gesellschaftlichen Kriterien nicht hilfreich ist.. Solche Einteilung ist ein Verhaltensschema, das heute in der wirtschaftlichen und politischen Welt gang und gäbe ist. Wir sind nicht bereit, ihm in der Kirche Platz einzuräumen. Wir sehen es als unaufgebbaren Teil unserer Aufgabe, einen an den Werten des Evangeliums geprägten alternativen Stil zu pflegen. Insbesondere Jesu Worte in der Bergpredigt, und dort in den Seligpreisungen, führen uns in der Bewertung von Stärke und Schwäche, von Grösse und Kleinheit zu Gedanken, die nicht den Gepflogenheiten dieser Welt gleichgestellt sind. Darum nennen wir keine Gemeinden, die wir zu Paradigmen aufbauen.

4.2 Es sind aber an diesen erwähnten Beispielen einige gemeinsame Gegebenheiten zu beobachten, die es erlauben, uns in Demut und Bescheidenheit einem geistlichen Geheimnis zu nähern, das wir auch an andern Orten entdecken. Wir machen Mut, solche Gegebenheiten, die wir als Früchte des Evangeliums betrachten, als Paradigmen für unsere Arbeit und unsern Dienst in den Gemeinden zu verstehen.

(1) Es fällt auf, dass in den Gemeinden, die für ihre Umwelt bedeutungsvoll sind, eine erhöhte Fähigkeit besteht, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden. In unsern Gemeinden ist es eine Daueraufgabe, die Interessen und den Einsatz der Kräfte auf das "Kerngeschäft" zu konzentrieren. Dieses "Kerngeschäft" umfasst jene Inhalte, die wir weiter oben im Zusammenhang mit der "geistlichen Kompetenz" bereits beschrieben haben: Die Freude der Gemeinschaft mit Christus; die Überzeugung der Kraft des Evangeliums; der Optimismus einer das Leben verändernden Gnade; der brennende Eifer, diese Werte mit andern Menschen zu teilen. Ohne bewusste Lenkungsmassnahmen verschwinden diese Anliegen über kurz oder lang aus unsern Traktandenlisten und schliesslich aus unsern Gedanken und Herzen.

(2) Eine zweite Gemeinsamkeit der Gemeinden, die für ihre Umwelt bedeutungsvoll sind, ist die in den alltäglichen Beziehungen gelebte Gnade, die zu einer Gemeinschaft der Versöhnung, der Vergebung und der Liebe führt. Der negative Kontrast bestätigt diese Beobachtung. Wo alte Geschichten wie "Eingemachtes" im Keller der unausgesprochenen Verdrängungen aufbewahrt werden, erstirbt die Freude und die Ausstrahlung. Alle Anziehungskraft und alle Schönheit vergeht, wo Schuld und Verfehlung aufgerechnet werden. Es ist hart, aber unausweichlich: Entweder unsere Gemeinschaft ist gelebte Gnade oder wir fallen bei den Menschen unserer Zeit in Ungnade. Glücklicherweise fallen wir nie bei Gott in Ungnade.

(3) Die Gemeinden, die in ihrer Umwelt Faszination und Glaubwürdigkeit zu wecken vermögen, haben eine hohe Kultur der Wertschätzung. Wenige Institutionen haben ein so hohes Potential, aber auch einen so hohen Bedarf an freiwilliger Mitarbeit wie eine evangelische Freikirche. Wohl uns, wenn wir es immer besser lernen, diesem Kapital mit Anerkennung, Ermunterung und Bestätigung zu begegnen. Wo Menschen spüren, dass sie und ihr Einsatz ernst genommen werden, wachsen Freude und Einsatzbereitschaft. Es ist dabei natürlich nicht an eine Lobhudelei gedacht, sondern an die bewusst zu erlernende geistliche Disziplin, das Geschehen der Mitarbeit in der Gemeinde dankbaren Herzens in den weiten Zusammenhang des Reiches Gottes und der rettenden Liebe Christi zu stellen.

(4) The United Methodist Newscope von Mitte Februar 2001 fasst Kennzeichen von Gemeinden, die für ihre Umgebung bedeutungsvoll sind, in elf Punkten zusammen, die wir hier in stark gekürzter Form weitergeben. Solche Gemeinden leben in einem freudvollen Geist. Sie passen sich der Verschiedenheit ihrer Mitglieder an. Sie sind leicht zugänglich und aufnahmebereit. Sie pflegen eine tiefe Frömmigkeit und Gemeinschaft, ohne auf theologische Eigenheiten zu pochen. Sie feiern einfallsreiche und gehaltvolle Gottesdienste. Meinungsbildung und Entscheidungsfindung geschehen in Gemeinschaft. Sie haben eine hohe Wertschätzung der christlichen Gemeinschaft. Sie schätzen die traditionellen Werte, ohne unbeweglich zu werden. Sie pflegen schriftgemässe Lehre und Predigt. Sie setzen sich dafür ein, Schwierigkeiten unter ihren Mitgliedern zu bereinigen. Sie sind bemüht, Menschen in ihrer Umgebung anzusprechen.

Die Zusammenstellungen solcher Beobachtungen sind kein Erfolgsrezept. Sie richten aber die Aufmerksamkeit darauf, an einer vom Evangelium geprägten Kultur zu arbeiten und sie berücksichtigen aus der Fülle biblischer Unterweisung insbesondere jene Aspekte, die auf heute weit verbreitete Bedürfnisse eingehen, die allgemein empfundene Mängel beheben und die weit verbreitete Lebensfragen der heutigen Generation beantworten. Wir ermuntern deshalb dazu, dass in allen Gemeinden diese Aspekte Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit seien.

4.3 Im Rahmen umfangreicher Abklärungen und in Berücksichtigung der missionarischen Möglichkeiten sowie der jeweils vorhandenen Grenzen sind folgende Veränderungen von Bezirksgrenzen vorgenommen worden oder in Vorbereitung:

Die Bezirke Horgen und Thalwil sind zu einem Bezirk mit pastoraler Bedienung durch eine Person zusammengeführt worden.

Teufen hat sich vom Bezirk St. Gallen getrennt und bildet einen eigenen Bezirk mit Bedienung durch den Pfarrer von Herisau.

Die Gemeinde Russikon ist vom Bezirk Wetzikon zum Bezirk Turbenthal überschrieben worden.

Der Bezirk Flaach hat im Rahmen seiner missionarischen Neuausrichtung und Konzentration der Arbeit der beiden Gemeinden Embrach und Rorbas in Embrach der Arbeit dort einen neuen Namen gegeben: EMK im Embrachertal.

In Grossbasel-West ist eine Zusammenführung der Bezirke Basel-St.Johann und Basel-Allschwilerplatz in Vorbereitung. Es ist vorgesehen, dass die Pfarrerin des bisherigen Bezirkes Allschwilerplatz den neuen Bezirk bedient und dass im St. Johann-Quartier eine Person für die Jugend- und Kinderarbeit eingesetzt wird.

 

5. Welche Kirche brauchen unsere Gemeinden?

5.1 Die Gesamtkirche gibt den einzelnen Gemeinden einen theologischen, personellen, rechtlichen und finanziellen Rahmen zur Entfaltung ihrer jeweils eigenen Möglichkeiten. In der alltäglichen Gemeindeerfahrung ist das nicht immer genügend im Blickfeld. Dann und wann empfinden Leute in unsern Gemeinden die Gesamtkirche als Einschränkung und Last. Wir erinnern aber gerne an die starken Gründe für das Zusammengehören in einer ortsübergreifenden Kirche.

Theologisch: Die Kirche muss um des Rufes Christi willen und um der Universalität des Evangeliums willen mehr sein als der lokale Zusammenschluss einiger Gläubiger. Sie muss um ihrer Botschaft von Frieden und Versöhnung willen immer eine gelebte Solidarität sein, die über den eigenen örtlichen Kreis hinausgeht und die gerade darin der Welt ein Beispiel ist.

Soziologisch: Keine ideellen Werte in dieser Welt können vertreten und weitergegeben werden, ohne dass sich ihre Anhänger und Vertreter organisieren und institutionalisieren. Die menschliche Gemeinschaft kann auch die christlichen Werte nicht anders vermittelt bekommen, als dass sich die an Christus glaubenden Menschen dafür in einer organisatorisch fassbaren Institution über den einzelnen Ort hinaus zusammenschliessen.

Rechtlich: Unsere Verflochtenheiten in das Arbeitsrecht, das Sozialversicherungsrecht und das Zivilrecht, unser Umgang mit Immobilienbesitz und unsere öffentliche Verantwortung für den Umgang mit freiwilligen Spenden erfordern Formen, die den staatlichen Anforderungen standhalten. Die Gesamtkirche garantiert die Zweckmässigkeit, Zuverlässigkeit und Konformität dieser Formen. Es wäre unverhältnismässig, wenn jede Gemeinde diese Anforderungen allein aufgrund ihrer eigenen Entscheidungen erfüllen müsste.

Personell: Insbesondere die Fragen des Predigtamtes sind in der Gemeinsamkeit vieler Gemeinden effizienter und menschlicher zu lösen. Aber auch alle Ausbildungs- und Weiterbildungsanliegen erfordern die breite Basis der Gesamtkirche.

Die Gesamtkirche darf aber keine aufblähende und belastende Eigendynamik entfalten. Sie hat stets dienenden Charakter. In Anlehnung an Jesu Anwendung des Sabbatgebotes halten wir fest: Die Gemeinden sind nicht für die Gesamtkirche da, sondern die Gesamtkirche für die Gemeinden. Als Distriktsvorsteher setzen wir uns dafür ein, dass das kirchliche Leben gemäss dieser Prioritätenordnung gestaltet wird.

 

5.2 Seit drei Jahren arbeitet auf gesamtkirchlicher Ebene ein Lenkungsausschuss. Er setzt sich zusammen aus den Kabinettsmitgliedern, dem Konferenzlaienführer, dem  Konferenzsekretär und den Präsidenten des Kirchenvorstandes und der Kommission für das Predigtamt. Dieser Ausschuss erwies sich als hilfreiches Instrument für den Anstoss, die Lenkung und die Koordination von Prozessen, die die Mitarbeit mehrerer Arbeitsgruppen erfordern (z.B. Realisierung Takano-Konzept; Stellung der selbständigen Werke in der Kirche etc).

Der Lenkungsausschuss stellt fest, dass die Kommissionen und Arbeitsgruppen der Jährlichen Konferenz grossen Einsatz leisten. Dennoch bleibt der Eindruck, dass der grosse Einsatz der Kräfte und die Erträge dieser Arbeit nicht immer in einem so günstigen Verhältnis stehen, wie wir es uns als gesamte Jährliche Konferenz wünschen. Entsprechend der Aufgabenbeschreibung der Jährlichen Konferenz will der Lenkungsausschuss deshalb dazu beitragen, dass in allen Kommissionen und Arbeitsgruppen die Ergebnisse zu den folgenden Fragen die Arbeit prägen:

- Was ist unsere Kernaufgabe?

- Wie werden daraus Ziel für die Arbeit formuliert?

- Wie gelingt es, neben den Alltagsaufgaben zukunftsgerichtete Entwicklungen zu planen und umzusetzen?

- Wie werden Arbeiten, an denen mehrere Gremien beteiligt sind, koordiniert?

Der Lenkungsausschuss ist per ende Februar 2001 mit allen Vorsitzenden von Gremien der Jährlichen Konferenz über diesen Fragen in Verbindung getreten und wird aufgrund von Rückmeldungen im August 2001 einen Gesamtüberblick erstellen und Anregungen weitergeben.

Der Lenkungsausschuss hat weder Absicht noch Befugnis, über die Gremien der Jährlichen Konferenz hinweg Änderungen der Aufträge oder Strukturen zu beschliessen. Er nimmt aber seine Verantwortung wahr, im Überblick über das Ganze der Kirche lenkend und gestaltend einzugreifen, wo sich dies in laufenden Prozessen als nötig erweist.

 

6. Dank

Wir danken Gott für seinen Segen seine Führung und Bewahrung im zu Ende gehenden Konferenzjahr. Wir danken für die erfahrene Gemeinschaft in vielen Begegnungen und für die Zusammenarbeit mit den Schwestern und Brüdern in der Dienstgemeinschaft sowie mit vielen freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Als Kollegin und Kollegen danken wir Theo Rickenbacher für die intensive Dienstgemeinschaft im Kabinett. Wenn Theo nun ein Jahr neuer Herausforderungen in einer evangelischen Gemeinde in Norditalien antritt, so wünschen wir ihm viele mutmachende Erfahrungen und eine gute Vorbereitung auf die Rückkehr in den Gemeindedienst in unserer Jährlichen Konferenz, die für den Sommer 2002 vorgesehen ist.

Wir schliessen diesen Bericht mit Worten des auferstandenen Christus an seine Jünger: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker ...Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

 

Hanna und Walter Wilhelm

Theo Rickenbacher

Urs Eschbach