Jährliche Konferenz (JK) der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Schweiz-Frankreich vom 29.  Mai bis 2. Juni 2002 auf St. Chrischona bei Basel.


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EMK Schweiz - Frankreich

 

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Ansprache der Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche in Argentinien (IEMA), Nélida Ritchie, anlässlich des Connexioabends am 29. Mai 2002 auf St. Chrischona, Bettingen, Basel

(Übersetzt von Barbara Oppliger–Frischknecht, Frümsen)

© 2002 Evangelisch-methodistische Kirche – Nélida Ritchie, Barbara Oppliger-Frischknecht

 

"Kirche sein in Krisenzeiten"

Nélida Ritchie, Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche in ArgentinienIch danke Gott dafür, dass ich die Möglichkeit habe, das Wirken Gottes in unserer argentinischen Realität mit euch zu teilen. Wie erleben wir als Kirche inmitten dieser Krisenzeit das Berufensein von Gott?

Wir spüren, dass das, was mit uns geschieht, nicht nur uns geschieht. Es hat einen Bezug zur weltweiten Kirche. Heute Vormittag (Missionsbegegnungstag in Olten) gebrauchte ich das Bild des "Körpers", wie es der Apostel Paulus braucht. Als Paulus diesen Vergleich anstellt, meinte er nicht ausschliesslich die Gemeinde in Korinth (auch wenn er natürlich zuerst diese ansprach). Der Apostel Paulus spricht vom untereinander abhängig Sein, vom miteinander vernetzt Sein der ganzen Kirche als Leib Christi. Er spricht vom miteinander unterwegs Sein und vom gemeinsamen verantwortlich Sein. Schmerzt ein Glied, so leidet der ganze Körper mit ihm, freut sich ein Glied, so freut sich der ganze Körper mit ihm. In diesem Sinn teile ich mit Ihnen unsere Schmerzen und unsere Freuden, denn ich weiss, dass sie mit uns fühlen und mit uns solidarisch sind.

Als Bischöfin der IEMA danke ich für die Konkretisierung ihrer Solidarität durch die Anwesenheit von Erich und Nelly Allenbach, Elisabeth Stauffer, Hanni Gut, Annerös Vögeli, Denise Siegrist und Etienne Rudolph mit Familie in unserer Mitte. Sie geben der Mission ein Gesicht. Ihre Leben bereichern die unsrigen, unsere Herausforderungen sind die ihren. Sie sind ein konkretes Zeichen dafür, dass wir alle zum selben Leib gehören.

 

Wie können wir singen in einem fremden Land?

Das fragte sich vor vielen Jahrhunderten der Psalmist. Wie preisen wir in Freiheit Gott inmitten der Sklaverei? Wie erleben wir den Gott der Gerechtigkeit inmitten der Ungerechtigkeit? Wie verkündigen wir den Gott der Liebe inmitten der Gleichgültigkeit? Wie verleihen wir dem Gott der Schwachen Glaubwürdigkeit inmitten der Überheblichkeit der Mächtigen? Wie reden wir von der Wahrheit Gottes inmitten der Lügen? Wie bezeugen wir die Barmherzigkeit Gottes, wenn rund um uns der Egoismus regiert?

Diese Fragen stellen sich nicht nur uns in Argentinien oder Lateinamerika. Diese Fragen gehen uns alle etwas an. Doch nehmen sie je nach unserem Umfeld eine andere Bedeutung an. Auch wenden wir uns in unserer jeweiligen Situation denjenigen der obigen Fragen zu, die für uns die drängendste Bedeutung haben. Diejenigen auf die wir eine konkrete Antwort geben möchten, um die Gute Nachricht glaubbar zu machen.

Unsere Haltung als Methodisten in Argentinien drücke ich aus mit den Worten: "Mit dem einen Ohr den Menschen, mit dem anderen dem Evangelium zugewandt".

Wie geht das?

-                       Indem wir das Wehklagen der 18 Millionen Menschen (das sind 50% der Bevölkerung) unter der Armutsgrenze hören.

-                       Indem wir das Wehklagen der Menschen, die arbeiten und nicht betteln wollen, hören. (Offiziell sind über 30% der arbeitsfähigen Bevölkerung arbeitslos. Wer mindestens 2 Stunden pro Woche arbeitet, gilt nicht als arbeitslos. Die Unterbeschäftigten sind in der Arbeitslosenstatistik nicht miteingeschlossen.)

-                      Indem wir hellhörig sind für das Wehklagen der Mütter, die den frühen Tod ihrer Kinder wegen Mangelernährung oder fehlender medizinischer Grundversorgung beweinen

-                      Indem wir das Wehklagen der Eltern hören, die ihre Söhne und Töchter ins Ausland ziehen lassen müssen, weil sie in Argentinien keine Zukunft mehr sehen.

-                      Indem wir das Wehklagen der älteren Menschen hören, die ihre Ersparnisse verloren haben und die vom Staat nicht mit dem Nötigsten versorgt werden.

All das Wehklagen vereinigt sich zu einem gossen Schrei: BASTA!: Genug! Die Menschen protestieren mit ihren leeren Pfannen auf der Strasse, Quartiervereine werden gegründet und treffen sich einmal pro Woche auf der Plaza, Selbsthilfeorganisationen entstehen, die betroffenen Menschen versuchen, ihr Leben selber zu organisieren. Das argentinische Volk erwachte nach einer langen Siesta. Alle zusammen entdecken wir, was Demokratie bedeuten soll: Nämlich mehr als hin und wieder den Wahlzettel abzugeben. Es ist klar, dass es für ein Volk, das viele Jahre unter Militärherrschaft oder anderen autoritären Regierungen gelebt hat, einen grossen Effort bedeutet. Doch wenn Demokratie Volksherrschaft bedeutet, bedeutet sie auch, dass das System die Interessen der Mehrheit und nicht einer reichen Minderheit vertreten muss.

Es gilt nun von Protesten zu Vorschlägen zu schreiten. Wir sind uns bewusst, dass dies schwierig ist, denn dem Land fehlen 30'000 Menschen, die jetzt in dem Alter wären, in dem sie im Land führende Stellungen einnehmen würden, wenn sie nicht während der Militärdiktatur (1976-82) ausgelöscht worden wären.

 

Von "Genug" zu "Visionen"

Für die Kirche, die immer bestrebt ist, mit dem einen Ohr auf die Nöte der Menschen zu hören, sind all diese oben angeführten Dinge bekannt.

Als Teil des Volkes Gottes suchen wir in Seinem Wort Licht in diesen dunklen Zeiten. So entdecken wir ein prophetisches "Genug". Dr. Nestor Miguez drück das so aus: "Die Vision kann nicht vom prophetischen "Genug" getrennt werden, es führt uns dazu, dass wir von Protesten zu Vorschlägen vorwärts schreiten, dass wir uns aufmachen, um durch die Wüste ins verheissenen Land zu gelangen. Auf dass wir die Korruption anklagen, dass wir die Tische der Geldwechsler in den Tempeln der Weltwirtschaft umstossen, damit wir aufs Neue Gottes Geschöpfe werden. --- Die Vision kennt die Vergangenheit, sie erhält ihre Kraft aus den Erinnerungen und stärkt den Widerstand. Sie ist nicht etwas, was wir allein erfinden können, sondern ein Geschenk Gottes."

 

Hoffnungsvoller Widerstand

Inmitten der Krise und trotz der Krise spüren wir, dass wir von Gott in seinen Dienst gerufen sind,...

-          das Leben in seiner Fülle zu verkünden

-          das Leben in Fülle für alle zu ermöglichen

-          dem Versinken in Hoffnungslosigkeit zu widerstehen

-          die Liebe Gottes konkret und sichtbar zu machen

-          den Glauben mit unserem Volk zu leben

 

 

Wie wir unsere Visionen, unsere Träume verwirklichen

 

Zu glauben bedeutet, mit anderen Augen zu sehen. In Gemeinschaft den Glauben zu leben, bedeutet, einander beim Schauen zu helfen. So wie wir mit den verschiedenen Gesichtern gezeichnet von Schmerzen, Ungerechtigkeit, Hunger, Krankheit, Armut und fehlenden Möglichkeiten mitleiden, so freuen wir uns mit anderen Gesichtern, fröhlichen Gesichtern, die mitmachen in

-          Tauschklubs

-          Gassenküchen,

-          Handwerklichen Workshops

-          Klubs für ältere Menschen

-          Solidaritätsgruppen für noch bedürftigere Menschen

-          Theater- und Gesangsgruppen

-          Hausaufgabenhilfe für Schüler und Schülerinnen

-          Alternative Basisgesundheitsversorgung

-          Quartiervereinen

Die Liste könnte noch verlängert werden. Wichtig ist, dass alle diese Aktivitäten nicht ausserhalb, sondern innerhalb der Kirchen stattfinden. Die Räumlichkeiten werden zur Verfügung gestellt und die Gemeindeglieder nehmen aktiv daran teil oder ergreifen die Initiative. Inmitten der Krise verstärken die Gemeinden der IEMA ihre sozialen Aktivitäten, inmitten der Besitzlosen und Ausgegrenzten leben sie die Gegenwart Gottes. Jeden Tag stossen so neue Menschen zur Kirche, vor allem Kinder, Jugendliche und Frauen. In den letzten Jahren entstanden in Argentinien mehr als 20 neue Kirchen, alle in den ärmsten Quartieren der Städte. Die Mitglieder kommen von der Strasse, aus besetzten Häusern oder sind neue Arme. An vielen Orten schliessen sich solche Menschen auch den bereits bestehenden Methodistengemeinden an und verändern deren Zusammensetzung radikal.

So wächst aus der Krise eine neue Kirche, die andere Schwerpunkte setzen und ihr bisheriges Missionsverständnis grundlegend überdenken muss.

Die neuen Mitglieder bringen eine Lebensgeschichte mit, sie legen Zeugnis ab vom Wirken Gottes in ihrem Leben, sie wollen sich mit Veränderungen auseinandersetzen, sie haben den Willen, an Gottes Reich mitzubauen.

So leben wir, so träumen wir und erfinden die missionarische Kirche neu. Dabei sind wir uns bewusst, dass es Gottes Mission ist. Wir sind gewiss, dass Gott uns gerufen hat, an dieser Aufgabe mitzuwirken. Wir sind fröhlich darüber, dass wir diesen Dienst in der Evangelisch-methodistischen Kirche tun können. Wir teilen die lebendige Hoffnung, dass in Jesus Christus alle Dinge neu gemacht werden.

Oft singen wir in unseren Gottesdiensten und Zusammenkünften den Tango von Altbischof Frederico Pagura:

 

"Deshalb haben wir heute Hoffnung

Deshalb kämpfen wir heute mit Ausdauer

Deshalb schauen wir heute mit Zuversicht

in die Zukunft unseres Landes."

 


Evangelisch-methodistische Kirche Schweiz/Frankreich

Webmaster: Jörg Niederer          E-Mail:jk@umc-europe.org