Jährliche Konferenz (JK) der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Schweiz-Frankreich vom 29.  Mai bis 2. Juni 2002 auf St. Chrischona bei Basel.


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EMK Schweiz - Frankreich

 

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Tagung der Jährlichen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich

Inputs zum theologischen Gespräch vom Samstag, 1. Juni 2002 über die Fristenregelung und den Schwangerschaftsabbruch

"Das Leben wählen"

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Gebet
- Urs Schweizer
Einladung zu einem verantwortlichen Umgang mit dem Leben - Patrick Streiff
Wertebildung und Wertekonflikt - Jörg Niederer

 

Gebet (© Urs Schweizer)

Lieber Vater!

Du hast uns alle, die wir hier sind, ins Leben gerufen; über jedem und jeder von uns steht dein grosses Ja. Wir danken dir von Herzen für dieses kostbare Geschenk. Du weisst, dass wir als einzelne und als ganze Kirche für andere Menschen da sein möchten. Für Menschen, über deren Leben ebenfalls dein grosses Ja steht.

In deinem Ja zu uns allen ist der Sinn unseres Lebens begründet. Und durch den Tod und die Auferstehung deines Sohnes Jesus Christus öffnest du uns allen die Tür zu einem wunderbaren Ziel. Du weisst, dass wir als einzelne und als ganze Kirche Menschen auf diesen Sinn und dieses Ziel hinweisen möchten und sie mit Worten und Taten der Liebe auf dem Weg dorthin begleiten.

Lieber Vater!

An diesem Wochenende sind wir in der Schweiz aufgerufen, unsere Meinung zu einer Frage zu äussern, die das Leben vieler tausend Männer, Frauen und vor allem Kinder betrifft. Und wenn wir uns doch alle von ganzem Herzen wünschen, dass niemand ein Nein spricht zu einem Leben, über dem dein Ja steht, so sind wir trotzdem in der vor uns stehenden Frage nicht einer Meinung. Du weisst, wie dies unzähligen Menschen, auch hier, sehr weh tut. Du weisst aber auch um die Lieblosigkeit, um die Verurteilungen, um die negativen Gefühle und um die unschönen Gedanken, welche aus diesen unterschiedlichen Meinungen erwachsen sind. Vater, vergib uns, wo wir in Worten und Taten aneinander schuldig geworden sind.

Und nun, lieber Vater,

lenke bitte unsere Blicke über den morgigen Tag hinaus. Ob wir morgen Abend traurig oder erleichtert sein werden, wie immer die gesetzliche Regelung auch aussehen wird, es ist und bleibt unsere Aufgabe als Einzelne und als Kirche, uns für das ungeborene und das geborene Leben, über dem dein Ja steht, einzusetzen. Öffne uns die Herzen und die Augen, damit wir erkennen, wo Menschen um uns herum unsere Hilfe nötig haben: sei es unser Hinweisen auf eine tragende, ewige Hoffnung in dir, auf die sie ihr Leben ausrichten können, oder seien es Tate und Worten der Liebe, um nur schon die ganz praktischen Herausforderungen des nächsten Tages bewältigen zu können. Hilf uns, dass gerade unser Gespräch von heute Nachmittag dazu beiträgt.

Und, lieber Vater, öffne nicht nur unsere Herzen und Augen, sondern mache uns bereit zur Tat. Denn wir wollen es nie vergessen: Deine Liebe zu uns findet erst darin ihr Ziel, dass wir sie verschenken. Mach uns gerade in diesem Auftrag ganz neu eins und schenke uns eine Glaubwürdigkeit, die Menschen spüren lässt: Wo du dein Ja über ein Leben gesprochen hast, ist Hoffnung. Für alle.

Dafür danken wir dir von ganzem Herzen. In Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen.

 

Einladung zu einem verantwortlichen Umgang mit dem Leben (© Patrick Streiff)

Die biblische Betrachtung von Elsi Altorfer zu Philipper 2,5-11 hat uns bereits in das Thema eingeführt. Sie hat erinnert an:

- die Quelle, aus der Jesus Christus lebte;

- die neue Lebensmöglichkeit, die das Sterben Jesu eröffnet hat;

- die Erhöhung Christi, die dem Apostel Mut macht zu einem Leben im Dienst dieses Herrn.

Paulus führt den Abschnitt in Philipper 2,5 mit den Worten ein: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht. Was entspricht also dem "Leben in Christus Jesus"? Welche Konsequenzen hat unser Glaube für unser Leben? Thomas Bolleter hat in der neuesten Ausgabe von Kirche und Welt provokativ gesagt: "Selten sind es tiefere Glaubensfragen, die uns trennen, häufiger sind es Fragen unseres alltäglichen Christ-Seins." Welche Konsequenzen hat unser Glaube an Christus für unser Leben?

1. Das Leben des Einzelnen hat liebevolle, kreative Gemeinschaft zum Ziel, nicht die Steigerung von persönlicher Annehmlichkeit und Genuss.

Weshalb? Urgrund allen Lebens ist der dreieinige Gott. Gott selber lebt in der Gemeinschaft von Vater und Sohn durch das Band des Geistes ein reiches Leben. Weder der Vater noch der Sohn noch der Geist sucht eigene Annehmlichkeit und Genuss zu steigern. Sie leben in liebevoller, schöpferischer Gemeinschaft, die so von Leben sprudelt, dass sie neues Leben schafft.

Also: Wer an den dreieinigen Gott glaubt, kann nicht mehr das Ziel des Lebens darin sehen, möglichst viel für sich herauszuholen. Das höchste Ziel wird vielmehr sein, dass der Glaube an den dreieinigen Gott, sich in schöpferischer Vielfalt in der Liebe verwirklicht und Gemeinschaft aufbaut.

2. Wir verdanken Gott das Leben und sind ihm Rechenschaft schuldig.

Weshalb? Der dreieinige Gott ist so schöpferisch in seinem Leben, dass er alles geschaffen hat, was existiert, und es am Leben erhält. Er ist nicht nur der Schöpfer, der alles einmal in Bewegung gesetzt hat (ob im alten Bild des Uhrmachers oder im neuen des Urknalls), sondern er ist der Eine, dem sich alles Leben je und je neu verdankt und verantwortlich bleibt.

Also: Wer an Gott den Schöpfer glaubt, kann nicht mehr das Leben als etwas sehen, über das er/sie eigenmächtig verfügen kann, weder in bezug auf eigenes noch auf fremdes Leben, weder in bezug auf ungeborenes noch auf unheilbar dem Tod nahes Leben. Wer an den Schöpfer glaubt, anerkennt, dass wir ihm Rechenschaft schuldig sind für unseren Umgang mit allem Leben und der ganzen Schöpfung, Rechenschaft schuldig sowohl für das Leben im Bauch der Mutter und als auch für das Leben mit aufgedunsenen Bäuchen, derer die weit weg von uns und doch auch durch unsere Mitschuld Hunger und Armut leiden.

3. Wir verdanken Gott unser neues Leben in der Gemeinschaft mit ihm und sind berufen, Versöhnung zu stiften.

Weshalb? Der dreieinige Gott ist so schöpferisch in seinem Leben, dass er im Sohn Jesus Christus unser Bruder geworden ist, unsere Auflehnung gegen ihn bis zum bitteren Ende ausgehalten hat und in der Auferweckung Jesu Christi die Zerstörung von Leben mit dem Geschenk neuen Lebens beantwortet. So schafft er Versöhnung und lädt uns ein, darauf unser Leben aufzubauen.

Also: Wer an Gott den Erlöser glaubt, kann nicht mehr das Leben als etwas sehen, das mit dem Tod zu Ende ist und deshalb – koste es, was es wolle – ausgekostet werden muss. Wer an Christus, den Erlöser, glaubt, lebt ein neues Leben, das er in nichts eigenen Qualitäten, sondern ganz Gottes Freundlichkeit verdankt. Er/sie wird sich nicht mehr besser fühlen als andere, die Leben vernachlässigt, verletzt, abgetrieben oder getötet haben. Er/sie weiss sich gerufen, Gemeinschaft aufzubauen mit allen, die Vergebung und neues Leben nötig haben.

4. Wir verdanken Gott alles Gute im Leben und lassen uns von ihm die Ausrichtung für unser Leben geben.

Weshalb? Der dreieinige Gott ist so schöpferisch in seinem Leben, dass er durch seinen Geist in unserem Leben alles Gute wirkt, d.h. alles was zur Vollendung in Liebe beiträgt und uns Christus ähnlicher macht. Darin findet unser Leben seine Erfüllung und trägt bei zur Verwirklichung des Reiches Gottes.

Also: Wer an Gott den Vollender glaubt, gehört nicht mehr sich selber (weder sein/ihr Bauch noch Kopf, weder seine/ihre Leistung noch Portemonnaie). Er/sie wird mit seinem/ihrem Leben Gott dienen ohne Furcht ein Leben lang im persönlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Bereich.

Der Glaube an den dreieinigen Gott hat Konsequenzen für das Leben.

 

Wertebildung und Wertekonflikt (© Jörg Niederer)

Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele verschiedene Wertesysteme konkurrierend nebeneinander stehen. Oft widersprechen sich die darin enthaltenen Wertvorstellungen.

Auch unter Christen finden wir eigentlich nie hundertprozentige Übereinstimmung. Das wurde z.B. einmal mehr auch im Vorfeld der Abstimmung über die Fristenregelung und die Initiative "Mutter und Kind" deutlich.

Wie gehen wir um mit Wertekonflikten, also sich widersprechenden Wertevorstellungen?

 

1. Werte werden gemacht, und stehen nicht einfach fest. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, z.B. Religion, Sozialisation, Kultur etc.

Jane Elliott sagt: "Menschen werden nicht als Rassisten geboren, sie werden dazu gemacht. Was wir aber lernen, können wir auch wieder verlernen."

 

2. Ich kann Werte vertreten, die mir selbst widersprechen.

Paulus beschreibt es in Römer 7,19 so: "Ich will zwar immer wieder Gutes tun und tue doch das Schlechte; ich verabscheue das Böse, aber ich tue es dennoch."

Ein Beispiel: Als Christ will ich, dass alle Menschen leben können. Trotzdem verbrauche ich nicht erneuerbare Energie, die für mindestens 10 Menschen reichen müsste. Damit beschneide ich dramatisch das Lebensrecht anderer Menschen.

 

3. Wir müssen Werte auch untereinander gewichten.

Der Wert "Nicht töten" ist für viele wichtiger als der Wert "nicht fluchen". Schwieriger wird es, wenn Leben gegen Leben steht. In der Schwangerschaft kann das Leben der Mutter gegen das Leben des Kindes stehen. Streng genommen ist das nur dann der Fall, wenn die Weiterführung der Schwangerschaft den Tod der Mutter verursachen könnte. Man könnte nun argumentieren, dass das ungeborene Kind noch das ganze Leben vor sich hat, und diese Chance unbedingt erhalten sollte, selbst wenn die Mutter daran stirbt, die ja schon viele schöne Stunden erleben durfte. Oder man kann die Reproduktionsfähigkeit und die Wirtschaftlichkeit ins Spiel bringen. Unter diesen Umständen wird man sich wohl eher gegen das ungeborene Kind entscheiden. Wenn Leben gegen Leben steht, geben dem Leben untergeordnete Werte den Ausschlag bei einer Entscheidung.

 

4. Christliche Werte sind oft prägend für ein Staatswesen, stehen aber ebenso oft im Gegensatz dazu.

Stellt sich die Frage, ob und wie christliche Werte ein Staatswesen bestimmen sollen.

Als Christ bin ich überzeugt, dass die Werte, die Jesus Christus mich gelehrt hat, für alle in der Schweiz und auf der Erde lebenden Menschen gut wären. Was hindert mich also daran, z.B. zu sagen: Gesetzlich soll der Schwangerschaftsabbruch verboten sein, ausser wenn das Leben der Mutter akut bedroht ist?

Die Problematik dieses Vorgehens wird deutlich, wenn wir einen Positionenwechsel vornehmen, also nicht die Bestimmenden sind, sondern die, über die bestimmt wird. Unter islamischem Recht würde ich mich als Christ nach Gesetzen richten müssen, die ich eigentlich nicht aus freien Stücken mittragen will. Auch wenn ich einen grossen Teil des islamischem Rechts mittragen können, zwingen mich darin enthaltene Gesetze entweder zu einer Lebenslüge oder zur Ungesetzlichkeit.

Wie erleben Nichtchristen unsere christlichen Werte? Sind sie für diese befreiend oder einengend?

Christliche Werte sind die Werte einer Subkultur. Unter Christen gelten weiterreichende Richtlinien als in einem Staatswesen. In einer vielschichtigen, multikulturellen Gesellschaft muss darum Raum sein für verschiedenste Wertsysteme, begrenzt durch einen demokratisch bestimmten Minimalkonsens.

Solange nicht alle Menschen Christen sind, kann ich auch nicht erwarten, dass alle nach christlichen Massstäben leben, leben wollen oder leben sollen. Anders gesagt: Ein Gesetz, das dem verlorenen Sohn im Gleichnis verbieten würde, von zu Hause wegzuziehen, würde ihm nicht wirklich auf der Suche nach Gott helfen. Zwang zu christlichen Werten hilft keinem Menschen auf der Suche nach dem Leben und nach Gott.

 

5. Ich gewichte aus diesem Grund die individuelle Freiheit höher, als meine persönliche, christliche Grundhaltung, z.B. beim Schwangerschaftsabbruch.

Ich würde meine Frau nie zu einem Schwangerschaftsabbruch bewegen. Ich würde in Gesprächen immer für das Leben und damit auch für das Leben des Kindes plädieren. Ich würde mithelfen, nach konkreten Lösungswegen zu suchen, die dem Leben des heranwachsenden Kindes und der Mutter gemeinsam dienen.

Aber als Gesetz möchte ich diese Wertung nicht sehen. Ein Gesetz zwingt. Ich möchte gerne eine Haltung fördern, die das Leben wählt, aus Einsicht und aus freien Stücken.


Evangelisch-methodistische Kirche Schweiz/Frankreich

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