Jährliche Konferenz (JK) der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Schweiz-Frankreich vom 29.  Mai bis 2. Juni 2002 auf St. Chrischona bei Basel.


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EMK Schweiz - Frankreich

 

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Ordinationspredigt: Bischof Heinrich Bolleter

© Evangelisch-methodistische Kirche – Bischof Heinrich Bolleter

 

Text: 1. Korinther 8, 6

"So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn".


 

Das Konferenzthema von der einen Quelle und den vielen Brunnen erlaubt bunte Assoziationen oder Gedankenspiele. In der ursprünglichen, französischen Fassung wird von Source, Ressources und Ressourcement gesprochen.  Da wird es klar: es geht um unsere Spiritualität, um die Mitte von der wir leben. Im Bild ausgedrückt: Es geht nicht um die Architektur der Brunnen. Es geht um die simple Frage: Hast Du Wasser? Bist Du an die Quelle angeschlossen? Oder: Es geht nicht um die Frage, wieviele Achsen deine Lokomotive hat, oder wieviele Wagen an deinem Gemeindezug angehängt sind. Es geht um die zentrale Frage: Hast Du Strom?

Klaus Douglass in seinem Buch "Die neue Reformation – 95 Thesen zur Zukunft der Kirche" (Kreuzverlag 2001, 346 Seiten) klagt darüber, dass man in den Kirchen kaum mehr zu gemeinsamen Ansichten kommt, jeder bastelt an  seiner eigenen Vision. Douglass meint: Frage 100 Pfarrer nach ihrem Kirchenverständnis und du bekommst einhundert verschiedene Antworten. Und ich sage: Wollte jeder Pfarrer 346 Seiten schreiben, um seine Thesen zur neuen Reformation zu entfalten wir würden in den guten Ratschlägen untergehen und nichts würde sich ändern.

Im Zentrum der Frage nach der Zukunft der Kirche steht nicht die Frage der Konzepte, sondern die Frage der Spiritualität

Die Frage nach unserer Spiritualität ist die Frage nach unserm Bezug, nach unserer Nähe zur Quelle.

"So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn."

 

1. Wir leben und überleben aus der einen Quelle

Das ist die Grunderkenntnis der Reformation: Solus Christus, Christus allein!

Je tiefer unsere Spiritualität durch Christus  und seine Botschaft geprägt ist, desto weniger müssen wir uns darum fürchten, Richtung und Ziel in der Verwirrung der Gegenwart zu verlieren. Weil wir aus der Mitte, Christus, leben, darum sind wir nicht so sehr darauf aus, uns ängstlich von anderen abzugrenzen. In der Mitte verankert, können wir ihnen in Freiheit begegnen. Darum sind unsere Gemeinden keine geschlossenen Versammlungen von Rechtgläubigen und richtig Getauften, sondern eine Versammlung von Glaubenden und Suchenden. Gerade, weil die Gemeinde und die Kirche aus Christus alleine lebt,  kann sie offen sein für alle Menschen. Weil wir Christus kennen und wissen, dass einmal alle Knie sich schliesslich vor ihm beugen müssen, darum können wir  auch allen, welche das Ende der Kirche heraufbeschwören, gelassen in die Augen sehen.

Unsere Zukunft, unsere Offenheit zueinander und zu den anderen hängt ab von unserer Nähe zur Quelle. Das bedeutet: Die Zukunft und die Offenheit unserer Kirche ist nicht nur eine Frage der Ziele, der Methoden und der Strategien, sondern zuallererst eine Frage nach unserer Spiritualität: Wie nahe bist du zur Quelle?

 

 

2. Wem gehört die Quelle?

Wir haben den religiösen Bereich heute weitgehend dem Individualismus untergeordnet. Es ist zwar ganz im Sinne des allgemeinen Priestertums, dass wir festhalten: Jeder hat Zugang zur Quelle. Die Problematik beginnt da, wo jeder meint, die Quelle zu besitzen und sich das Recht ausnimmt, das Wasser nur über seine Mühlen zu leiten. So entsteht der neue Klerikalismus von unten,  wo der einzelne mit seiner Rechthaberei und  mit seinem Drang zu besitzen und zu beherrschen einen bösen Keil in jede Gemeinschaft treibt.

Wem gehört die Quelle? Die einfachste Antwort lautet: Sie gehört Gott allein.

Niemand kann sie für sich pachten oder das Interpretations- und  Vermarktungsrecht für sich beanspruchen.

Wir haben heute ein Autoritätsproblem in den Kirchen. Die Frage der Autorität in der Kirche ist nicht eine hierarchische und nicht eine demokratische Frage, sondern eine Frage der Spiritualität, also der Nähe zur Quelle.

Christus sagt: Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen. Diese Gemeinschaft mit Christus bestimmt  das Wesen der Kirche.

Neutestamentliche Gemeinde entfaltet sich aus der Gemeinschaft, aus dem Dialog in der Gegenwart Christi. Das Geheimnis des Glaubens, Jesus Christus, ist also nicht einem einzelnen anvertraut, sondern  stets der Gemeinschaft der Glaubenden. Die Frage der Autorität in der Kirche ist nicht eine hierarchische und nicht eine demokratische Frage, sondern eine Frage der Spiritualität, also der Nähe zur Quelle und der Gemeinschaft in der Gegenwart des Christus.

 

Auch die methodistische Kirche sieht die Ausübung der Autorität in der Kirche im Dialog in der Gegenwart Christi. Darum halten wir Bezirkskonferenzen und Jährliche Konferenzen. Manchmal sehen wir die Konferenzen als lästige strukturelle Vorgaben und erkennen nicht ihren neutestamentlichen Bezug.

Wem gehört die Quelle? Die Frage der Autorität in der Kirche ist heute eine lebenswichtige Frage. Wir finden den Zugang zu dieser Frage über die Spiritualität.

 

"So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn."

 

3. Man muss sich bücken, um aus der Quelle zu schöpfen

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch viele Mitarbeitende in der Gemeinde sind heute einem enormen Erfolgsdruck ausgesetzt.  Die Anfragen um frühzeitige Pensionierung  oder auch um die Möglichkeit, ein Teilzeitpensum zu haben, weisen daraufhin, dass wir uns dem Stress nur schlecht entziehen können. Einer unserer gestressten EMK-Pfarrer hat unlängst der Gemeinde gesagt: Für jeden und für alles habt ihr im Gottesdienst gebetet, aber es ist euch nie in den Sinn gekommen für mich und meine Familie im Gottesdienst zu beten. Der Erfolgsdruck zwingt uns zum aufrechten Gang und wir möchten uns nicht dabei erwischen lassen, dass wir gebückt sind.

Wer aber aus der Quelle schöpfen will, muss sich bücken.

Ein Kollege im Bischofsrat  sagte in der Kleingruppe, in der wir über unsere Spiritualität austauschen: I need a diciplined openness to God. Ich brauche eine bewusst geregelte Offenheit zu Gott hin. Das ist das Herzstück der Spiritualität.

Man muss sich bücken, um aus der Quelle zu schöpfen. Spiritualität braucht geistliche Disziplin.

Dass wir uns zur Quelle bücken müssen, um aus ihr zu schöpfen ist aber auch ein Wort gegen die geistliche Arroganz. Im Postkutschen-Zeitalter gab es drei verschiedene Klassen für die Reisenden: Das Erstklass-Ticket bedeutete, dass man in der Kutsche sitzen konnte was immer auch passierte. Blieb die Kutsche im Dreck stecken oder hatte sie einen Achsenbruch, man durfte im Schutz der Kabine sitzen bleiben, denn man hatte ja ein Erstklass-Ticket. Das Zweitklass-Ticket bedeutete, dass man solange sitzenbleiben durfte, bis es ein Problem gab, dann aber musste man aussteigen und am Strassenrand warten bis das Problem gelöst war. Das Drittklass-Ticket bedeutete, dass man bei einem Problem aussteigen musste und helfen musste, die Kutsche aus dem Dreck zu ziehen. Das beschreibt genau die Beziehung vieler Mitglieder und Freunde zur Kirche. Einige glauben, sie hätten ein Erstklass-Ticket sie kommen in die Kirche um zu empfangen, aber nicht um mitzutragen. Die meisten glauben, sie haben ein Zweitklass-Ticket. Das bedeutet sie werden Zuschauer, wenn es irgend ein Problem gibt. Und dann gibt es die getreuen in der dritten Klasse: Sie krempeln die Ärmel hoch und waschen ab.

Wer nahe bei der Quelle ist, wer nahe bei Christus ist, sieht, dass Christus, obwohl es ihm zugestanden hätte, nicht ein Erstklass- sondern ein Drittklass-Ticket wählte. Des Menschen Sohn ist gekommen, dass er diene und gebe sein Leben zur Erlösung für viele. Wer nahe bei Jesus sein will, der nimmt ein Drittklass-Ticket. Ich unterstütze gabenorientiertes Mitarbeiten in der Gemeinde. Achtet bloss darauf, dass gabenorientiertes Arbeiten nicht zum Dreiklassensystem in der Gemeinde entartet.

Wer aus dem Brunnen schöpfen will, muss sich bücken. Unsere Spiritualität prägt die Kultur in der Gemeinde.

"So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn."

 

4. Die Quelle, welche nicht versiegt

Eine Frage, welche sich immer deutlicher stellt ist die Frage nach der Berufung. Wir gehen im Verständnis unseres Predigtamtes davon aus, dass diese Berufung für das ganze Leben gilt. Davor schrecken heute viele junge Menschen zurück. Sie sind von einer Kultur geprägt, die keine langfristigen Pläne erlaubt. Flexibilität und Mobilität sind gefragt. Unlängst hat mich mein Sekretär damit überrascht, dass er schon 10 Jahre im Sekretariat arbeitet. Und sofort ergänzte er, dass ein Kollege, mit dem er zur Arbeit fährt, bemerkte, dass es eigentlich ausserordentlich sei, dass ein junger Mensch 10 Jahre an der gleichen Stelle bleibe. Ich weiss, dass dahinter eine Berufung steht, die sich im Laufe der Jahre gefestigt hat.

Sollen wir uns in den Fragen der Berufung den kulturellen Wellenbewegungen anpassen oder ist das nicht vielmehr eine Frage  nach unserer Spiritualität?

Spiritualität  ist Nähe zur Quelle, welche nicht versiegt.  Spiritualität orientiert  sich an der  Treue Gottes.

Gottes Treue ist nicht eine Idee. Sie erweist sich darin, dass sie von Generation zu Generation lebendig bleibt. Unser Christsein und unsere Frömmigkeit ist heute zu sehr aus dem Moment und aus dem Gefühl bestimmt. Müssen wir nicht neben die Momentaufnahmen die Wolke der Zeugen setzen, welche aus der Quelle geschöpft haben und Kraft und Freude empfangen haben. Es gibt ein grösseres geistliches Potential, als das, welches wir im Augenblick spüren.

Das ist auch wichtig für den Pfarrer, die Pfarrerin als Begleitperson in den Grenzsituationen des Lebens. Da ist es gut um eine Quelle zu wissen, welche nicht versiegt.

"So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn."

 

 

5. Lebendiges Wasser – ein Urquell gegen den Tod

Menschen, die trotz Enttäuschungen und eigenem Versagen Hoffnung behalten, weil sie in der Kraft Christi glauben und hoffen, sind letztlich Fremdlinge  in dieser Welt.  Sie werden zum Zeichen der Hoffnung für einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Sie werden zum prophetischen Zeichen des Lebens gegen den Tod.

Die Nähe zu dieser Quelle, also unsere Spiritualität, gibt uns die Kraft, anzutreten gegen die Strukturen des Todes in dieser Welt.

Interessanterweise haben sowohl Maria, als auch Pilatus Eingang ins Apostolische Glaubensbekenntnis gefunden. Pilatus als Erinnerung an die Machthaber in dieser Welt, welche ständig an den  Strukturen des Todes weiterbauen. Und Maria, welche bereit war, Christus Raum zu geben in ihrem armseligen Leben.

Pilatus wird gezeigt als Prototyp des Anpassers an die vorherrschenden Meinungen und an die vorgegebenen Zwänge. Wir sehen, dass der gegenwärtige gesellschaftliche Trend ins Unheil führt. Wir ernten schon die Früchte der Ungerechtigkeit. Mit unserm anpasserischen Schweigen stellen wir die  Quelle in Frage, den Urquell des Lebens gegen den Tod.

Spiritualität, die Nähe zur Quelle, gibt Christus Raum und erhebt die prophetische Stimme gegen die herrschenden Verhältnisse. Widerstand und das Leiden mit den Ärmsten in dieser Welt bringt gerade nicht Reichtum und Erfolg, aber es stärkt unsere Sehnsucht nach dem lebendigen Wasser.

 

"So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn." Lasst uns die Fragen über unseren Auftrag und Dienst, die Fragen über die Zukunft der Kirche, die Fragen über  Gerechtigkeit und Frieden in dieser Welt  angehen aus der tiefen Spiritualität, aus der Nähe zur Quelle. Vergesst nicht  über den vielen  Ratgebern die ewige und starke Quelle eurer Spiritualität: "solus Christus".

 

Amen.


Evangelisch-methodistische Kirche Schweiz/Frankreich

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