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Ordinationsgottesdienst vom 15. Juni 2003
Bischof Heinrich Bolleter

Konferenzgemeinde – Bischof Heinrich Bolleter bei der Predigt"Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke; immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tage an bis jetzt. Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tage Christi Jesu."
Phil. 1, 3—6

Wir ordinieren heute eine Frau und fünf junge Männer zum Dienst in der EMK. Unser Weg mit ihnen in den Dienst der Kirche war eine Zeit, wo das Konferenzmotto reichlich zum Zuge kam: Niemand von ihnen kann sagen, er oder sie sei in dieses Amt gedrängt worden. Und kein Bewerber, keine Bewerberin kommt wie ein Komet vom Himmel in unsere Kirche, um ein leitendes Amt zu bekleiden.

Mit jedem Bewerber und jeder Bewerberin gehen wir einen Weg — durch Praktikum, Ausbildung und Begleitzeit ins Predigtamt. Den Ordinanden rufe ich darum heute zu: Ihr kennt die Kirche, in der ihr beauftragt werdet. Sie ist nicht makellos, sie birgt in sich Aspekte, an denen wir leiden, und Aspekte, an denen wir uns freuen. Sie ist eine Sammlung von glaubenden und suchenden Menschen. Von Nüchternen und von Enthusiasten, von geradem und krummem Holz, das wir bearbeiten. Eine Gemeinschaft von tragfähigen Menschen und solchen, die getragen werden müssen.

An eine ebenso bunte Gemeinde hatte Paulus sein Schreiben gerichtet, welches mit den Worten beginnt: — wenn ich für euch bete, tue ich es mit Freude! — Da ist Dank, Freude, Vertrauen. Eine solche positive Grundhaltung wünsche ich euch für eure Arbeit in der EMK.

So weit so gut. Begonnen haben wir alle mit einer positiven Grundhaltung. Die Frage ist aber berechtigt, ob und wie wir in dieser positiven Grundhaltung bleiben, wenn die Summe der Dienstjahre wächst! Es lohnt sich, etwas näher hinzuschauen: Paulus schrieb die Worte an die Gemeinde in Philippi, also an die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden. Es ist kaum zu glauben, solche Töne in Europa zu hören: Unsere europäische Kultur des Schreibens, des Umgangs miteinander und des Redens übereinander hat diesen positiven Ansatz verloren. Unsere Kultur ist geprägt von Misstrauen, vom Gerede über alle und jedes, und ist geprägt von Undank. Die Werbung verspricht zwar mit aufdringlichen Bildern oder Worten Sicherheit, Lebenslust, Harmonie; was aber der Durchschnittsschweizer oder Europäer erlebt und fühlt, ist eher zu beschreiben mit Unsicherheit, Frust und Streit.

Ist das in der Kirche anders? Diese Frage lässt sich nicht nur positiv beantworten. Wir kennen Situationen, wo das negative Gerede übereinander und die beharrliche Unversöhnlichkeit die Botschaft des Evangeliums mit einem lähmenden Schatten überdeckt haben. Prüfen wir uns selber, wie wir über andere denken, und was wir über andere reden in der Gemeinde, in der Kirche. Prüfen wir uns, wie wir über die Pfarrerin oder das Leitungsteam, die Jungen oder die Alten sprechen.

Paulus schrieb den Brief an die Philipper aus dem Gefängnis. Er hatte Zeit, viel Zeit, um über die Situation in der Gemeinde nachzudenken, und darüber, wie er die Gemeinde ansprechen will — und hier das Resultat: "Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke; immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tage an bis jetzt. Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tage Christi Jesu."

Paulus war nicht blind. Er sah die Gemeinde in Philippi und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit realistischen Augen: Da ist Licht und Schatten, Freude und Leid, Friede und Streit, Gewinnen und Verlieren. Beides gehört zu den Gemeindeerfahrungen: Frohsinn und Schmerz. Auch die Sorge um den Lebensunterhalt des Apostels und die Widerwärtigkeiten in der Evangelisation sind zu erwähnen. Oder die Irrlehrer, welche der jungen Gemeinde zu schaffen machten. Und im Angesicht dieser Realitäten schreibt der Apostel Paulus von Dank, Freude und Vertrauen. Er sucht in seinem Brief eine Balance zwischen dem Problembewusstsein einerseits und dem Bewusstsein, dass das Evangelium befreit, und dass Gott, was er einmal begonnen hat, nicht einfach fallen lässt.

Wir kennen in der Kirche das Ringen um diese Balance zwischen dem problemorientierten Ansatz oder dem verheissungsorientierten Ansatz sehr genau. Wer nur problemorientiert ist, steht in der Gefahr, sich von den Problemen bestimmen zu lassen. Wer nur verheissungsorientiert ist, steht in Gefahr, Probleme zuzudecken. Wie finden wir die richtige Balance? — Wir finden sie nur, wenn wir unserer geistlichen Verankerung im Evangelium die erste Priorität geben. Wir brauchen den Blickwechsel, weg von den Fragen, hin zum Evangelium.

Schauen wir genauer hin, wofür Paulus dankt!
Paulus dankt nicht für gute Predigten, für besondere Programme, für gutes Verhalten oder für Erfolg. Nein, er dankt für Gottes Werk, das er in den Philippern begonnen hat. Die Situationen und die Mitarbeitenden sind für Paulus ein Fenster zu Gott. Durch dieses Fenster sieht er Gott am Werk und dankt dafür.

Wir problemorientierten Zeitgenossen bleiben an den vordergründigen Problemen hängen und blicken nicht mehr hindurch auf das, was Gott getan hat, gerade tut oder noch tun will. Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: Diesen geistlichen Durchblick auf Gott wünsche ich uns, damit wir vermehrt sagen können:

Schauen wir auf die Freude, mit der Paulus betet!
Bei der Musik gibt es den Notenschlüssel, die Vorzeichen und die Taktangabe. Und so, wie diese Vorzeichen sind, so ist auch die Musik. Mit dem Beten ist es ähnlich. Vorzeichen für unsere Gebete kann das Angebot des Evangeliums sein oder aber die Sammlung der negativen Erfahrungen des Tages. Wir problemorientierten Zeitgenossen gehen oft mit dem falschen in unsere Gebete. Für Paulus steht die gemeinsame Erfahrung der Kraft des Evangeliums im Vordergrund. Das gibt seinen Gebeten einen freudigen Grundton.

Paulus knüpft beim Pioniergeist an und nicht beim Aber-Geist der zuschauenden Skeptiker. Da war diese erste froh machende Erfahrung im gemeinsamen Kampf für das Evangelium. Diese lässt sich der Apostel nicht zuschütten. Er wacht darüber, dass das Feuer der ersten Liebe nicht erlischt. Das gelingt nur, wenn wir unserer geistlichen Verankerung im Evangelium die erste Priorität geben.

Schauen wir auf das Vertrauen, das Paulus anspricht! Er ist nicht erfolgsorientiert, sondern vertrauensorientiert. Wer erfolgsorientiert ist, versucht, es allen recht zu machen. Wer sich am Vertrauen auf Gott orientiert, der bekommt die Zuversicht, dass es Gott mit uns recht machen wird.

Unsere grosse Angst in der Kirche, Fehler zu machen, weist darauf hin, dass wir uns so sehr auf unsere Methoden und unsere eigenes Gutsein abstützen und nur wenig Gelassenheit haben, dass uns Gott zum Ziel bringt.

Schauen wir, worauf Paulus wartet!
Das ist der Tag, wo alle Knie sich beugen werden und jeder bekennen wird, dass Jesus Christus der Herr sei. Paulus glaubt, dass in Philippi der Anfang für die Mission in Europa gesetzt ist. Er kapituliert nicht vor der Grösse der Aufgabe. Er ist überzeugt: Und das wird am Tag Christi Jesu allen klar vor Augen stehen. Diese Zuversicht bleibt nur lebendig in uns, wenn wir unserer geistlichen Verankerung im Evangelium die erste Priorität geben.

Ich fasse zusammen: Wie finden wir die Balance zwischen einem problemorientierten Ansatz und einem verheissungsorientierten Ansatz? Wir finden sie nur, wenn wir wie Paulus unserer geistlichen Verankerung im Evangelium die erste Priorität geben. So verankert können wir auch mit der Unvollkommenheit der Mitarbeitenden besser umgehen.

Eine alte Legende weiss zu erzählen, dass der Teufel Jesus überlisten wollte, in dem er ihm zuredete, er solle doch nicht am Kreuz sterben. “Die Kirche braucht dich hier auf Erden. Wer soll denn sonst predigen, heilen, die Gemeinde leiten, wenn du nicht mehr da bist?" Jesus antwortete: “ Dazu habe ich meine Nachfolger und Nachfolgerinnen berufen". Doch der Teufel bohrte weiter: “Die Menschen werden müde werden, sie werden streiten, die Lust wird ihnen schnell vergehen... Ist dein Plan, Menschen einzusetzen, nicht zu riskant?" Jesus antwortete: “Sehr riskant sogar. Die Mission könnte daran scheitern. Aber einen anderen Plan habe ich nicht".

Die Pointe der Legende: Jesus will nicht eine göttliche, unfehlbare Kirche, sondern eine menschliche. Er mutet es uns zu, mit unvollkommenen, freiwilligen Mitarbeitenden zu arbeiten. Sie sind nicht vollkommen, aber sie sind Fenster für Gott, durch die wir klarer oder weniger klar Gott am Werke sehen.

Wenn wir wie Paulus unserer geistlichen Verankerung im Evangelium die erste Priorität geben, dann können wir unsere wachsenden Vorbehalte und unsere Ängste um die eigene Existenz ablegen, und wir werden frei für eine neue Hingabe.

Der indische Dichter Tagore erzählt von einem Bettler. Er sitzt mit einem Sack am Strassenrand und bittet um eine Gabe. Auf einmal sieht er eine vornehme Kutsche kommen und erkennt, dass der Königssohn in ihr sitzt. In der Hoffnung, reiche Gaben von ihm zu erhalten, öffnet er den Bettelsack ganz weit. Da ereignet sich aber etwas ganz Unerwartetes. Der Königssohn steigt aus der Kutsche und fragt den Bettler: “Was hast du mir zu geben?" Darauf holt der Bettler das kleinste Reiskörnchen aus dem Sack und schenkt es dem Königssohn. Als der Bettler am Abend seinen Sack öffnet und das Bettelgut auf dem Tisch aufreiht, findet er ein winziges Goldstücklein. Es ist das Reiskorn, das er dem Königssohn gegeben hat. Als er dies sieht, wird er tieftraurig und fängt zu weinen an. “Warum habe ich nur dem König nicht alles gegeben?"

 Dieses “Alles" kommt aus unserm Vertrauen auf das Evangelium. Wenn wir wie Paulus unserer geistlichen Verankerung im Evangelium die erste Priorität geben, dann können wir unsere Vorbehalte und Existenzängste ablegen und frei werden für eine neue Hingabe. So werdet ihr ein helles, offenes Fenster für Gott sein in dieser Welt.

Paulus schreibt den Philipperbrief im Gefängnis. Er kann nicht selber laufen... aber die Sache Gottes läuft, die erste Gemeinde auf dem Europäischen Kontinent läuft... das Evangelium läuft. Paulus vertraut, dass Gott wirkt.

Die Gemeinde ist für Paulus keine Prestigeobjekt. Sie ist weder eine Modeboutique noch ein Antiquitätenladen. Sie ist Gottes “Geschäft", um den Menschen die frohe Botschaft in Jesus Christus zu bringen. Und dieses frohmachende Geschäft, das läuft und läuft und läuft.

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Mein Fazit lautet: Wir müssen als EMK für das Konferenzjahr 2003 /2004 die Balance finden zwischen einem problemorientierten und einem verheissungsorientierten Ansatz. Und wir finden sie, wenn wir wie Paulus unserer geistlichen Verankerung im Evangelium die erste Priorität geben. Ja: “Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tage Christi Jesu."

Amen.

© Evangelisch-methodistische Kirche 2003 – Heinrich Bolleter